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Stille

Über die Ruhe in einer kleinen Welt und grosse bärtige Tiere, die sie zunichte machen.

Vor wenigen Tagen, in der toskanischen Pampa. Ein kleines Paradies, eingeklemmt zwischen Olivenbäumen, Pisa und Florenz. Es gibt auf diesem Flecken Erde viele Frösche und Schlangen und zum Frühstück gebratenen Ricotta. Es ist kurz vor Mitternacht, die Kinder schlafen endlich, ich sitze mit einem Glas Hauswein vor unserer Ferienwohnung auf der Veranda und feiere die Stille.

Bei aller Liebe zu Biel und meinen Freunden: Das hier kann gerade alles, und ich überlege mir kurz, den Bettel hinzuschmeissen und die Besitzer des Agriturismo zu fragen, ob sie Hilfe beim Ziegenmelken brauchen.

Die Stille wird mit jeder Minute lauter. Die Frösche. Die Schlangen im Gebüsch. Vögel, die nicht schlafen können. Ich kann nicht genug davon kriegen, fülle mein Glas nochmals und starre gebannt in diese totale Finsternis, hoffe insgeheim, irgendein Tier zu sehen – auch wenn mich die Begegnung zu Tode erschrecken würde.

Da knackt es plötzlich neben mir. Beinahe verschütte ich den Roten. Einen Steinwurf entfernt öffnet sich eine Balkontür, ein grosses Tier mit Badelatschen schlurft raus und steckt sich eine Zigi an. Als sich der Rauch verzogen hat, erkenne ich einen bärtigen Mann in den Vierzigern.

«Na, auch die Stille der Nacht am Geniessen?», schreit er herüber. Schweizer. Berner. Ich nicke nur. Die Frösche sind verstummt. «Täusche ich mich, oder habe ich heute Berner Dialekt gehört bei euch drüben, woher seid ihr denn?» Durchatmen, sage ich mir, er will nur nett sein. «Aus Biel», antworte ich dem Bärtigen.

«Das gibts doch nicht», schreit er rüber, «ich bin in Aarberg aufgewachsen, nun lebe ich mit Frau und Kids in Lyss. Wie klein die Welt doch ist, gäu?» Ich nicke. Das gibts doch wirklich nicht. Wieso passiert das immer wieder? Am Arsch der Welt, den nicht einmal das neuste Navi findet? Ich winke dem Mann zu und ziehe mich mit dem Rotwein in die Küche zurück. Wie recht du hast, denke ich, die Welt ist verdammt klein.

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