Spa am Draht

Maria Künzli über die meditative Wirkung von Werbeanrufen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Neulich bin ich wieder mal an mein Festnetztelefon gegangen, als es klingelte. Obwohl ich die Nummer nicht kannte. Und eigentlich gerade dabei war, kochend Mails zu beantworten, während ich die Spülmaschine ausräumte und in Gedanken die letzte Sitzung durchging. Und dann das: «Grüessech Frau Künzli, Meier hier von der Firma Soundso. Wissen Sie, wer mit ­Ihnen das Bett teilt?»

Ich war zu verdutzt, um aufzulegen. Und hörte mich stattdessen sagen, was diese Frage solle. «Das werde ich Ihnen sehr gerne erklären, Frau Künzli.» Der Mann fing an zu erzählen. Von diesen kleinen Tierchen, die man sich nicht vergrössert vorstellen will. Die auch in hygienischsten Betten zu finden seien. Gerade in hy­gienischen Betten.

Ich liess ihn reden und begann, mich nur auf diese Stimme zu konzentrieren. Tief singend, gewichtig irgendwie. Als ob jedes einzelne Wort nichts weniger als eine Offenbarung in sich trüge. «Diese Milben vermehren sich unkontrolliert und können im schlimmsten Fall Allergien und Hautschäden verursachen.»

Sein Redefluss bekam was Meditatives. «Auf einer normal grossen Doppelmatratze haben bis zu eineinhalb Millionen Hausstaubmilben Platz», fuhr er fort. Und ich relaxte. «Sie ernähren sich von den menschlichen Hautschuppen und scheiden am Tag bis zu 20 Kotkügelchen aus. So können sich Hausstaubmilben innerhalb von 30 Tagen um das Dreihundert­fache vermehren. Es ist also höchste Zeit, Frau Künzli.»

Jetzt legte er eine Pause ein, wohl selbst überrascht, dass ihm jemand so lange zuhörte. «Frau Künzli? Sind Sie noch da?» Ich nickte tiefenentspannt. Er musste mein Atmen gehört haben, jedenfalls kam er erneut in Fahrt: Der einzige, der wirklich einzige Weg, der Invasion der Kampfmilben entgegenzuwirken, sei die Matratzenreinigung von seiner Firma, sagte Herr Meier. «Wir kommen gerne bei Ihnen vorbei und sorgen dafür, dass nur noch Sie und Ihr Mann in Ihrem Bett schlafen. Passt es Ihnen morgen um neun Uhr?»

Ich bedankte mich für die ­Informationen und lehnte freundlich ab. «Darf ich Sie zu einem späteren Zeitpunkt ­wieder kontaktieren, Frau Künzli?»

Aber auf jeden Fall. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.10.2016, 13:29 Uhr

Maria Künzli (36) schreibt die Kolumne «Greater Berne» ab- wechselnd mit den Redaktoren Fabian Sommer, Peter Meier und Nina Kobelt.

Artikel zum Thema

Bäumig ohne Biber

Greater Berne Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat eine Plätscherstimme. Und Cédric Wermuth verpasst fast seinen Auftritt. Mehr...

Jeder Bissen zählt

Greater Berne Redaktor Peter Meier sinniert über Ideen für unsinnige SRF-Sendungen. Mehr...

Dossiers

Service

Kommentare

Blogs

Foodblog Insekten-Dinner im Werkhof

Serienjunkie Pferdestarke Frauen

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 29.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Naturverbunden: Ein Model präsentiert am Eröffnungsabend des Designwettbewerbs World of Wearable Art in Wellington, Neuseeland, eine korallenartige Kreation. (21. September 2017)
(Bild: Hagen Hopkins/Getty Images) Mehr...