Sommer

Es war kurz nach Mittag, und meine Augenlider zuckten bereits nervös hinter der Sonnenbrille.

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Schlagfertigkeit ist etwas, worauf man erst 24 Stunden später kommt, hat Mark Twain mal geschrieben.

Ich war an einem dieser zermarternden Hundstage der letzten Wochen in der Stadt unterwegs und hatte gesellschaftlich notwendige Erledigungen zu machen. Es war kurz nach Mittag, und meine Augenlider zuckten bereits nervös hinter der Sonnenbrille. Ich war genervt. Nein, mehr als das. Ich hasste – und zwar alles und jeden: die Flipflops. Die zu kurzen kurzen Hosen bei den Männern. Füsse! Füsse! Nackte Füsse überall! Die Sonnenbrillen. Vor allem die gespiegelten. Alle Menschen, die schwitzten. Alle Menschen, die nicht schwitzten. Eigentlich alle und jeden in, auf, neben der Aare. Die dicken, die dünnen, die braunen, die roten, die weissen, die olivgrünen, vor allem aber diese Fitnessstudio-gestählten Körper. Diese verdammte Ferienstimmung. Dieses lässige Geschlendere, ja dieses elende ­mediterran angehauchte Dolce-far-niente-Gefläze überall.

Nach meiner Tour-de-Force hatte ich Durst. Durst, als hätte ich eine Sanddüne verschluckt. Und weil es noch früher Nachmittag war, verschmähte ich das Bier und bestellte in einer dieser hippen, improvisierten, Pseudostrandbars eine Limo­nade – mit viel Eis und einem Zitronenschnitz. «Einen halben Liter bitte!» Der hübsche junge Mann mit dem hübschen braunen Teint, den zu kurzen kurzen Hosen, dem ärmellosen T-Shirt und den zwei, drei Rastazöpfen in der Hippiemähne stellte mir den Kübel dann endlich hin. Ich bezahlte und bat um einen Strohhalm. «Aha», sagte er mit einem eigenartigen Lächeln. «Du bist also pro ­Plastik?»

Auftritt Mark Twain: Ich gab nicht mehr als ein irritiertes «Ähm» von mir. Heute weiss ich, wie ich hätte reagieren sollen: meine Augen ganz weit aufreissen, meine Hand empört vor meinen Mund halten und dann fragen: «Mein Gott! Ihr habt wirklich noch Strohhalme aus Plastik?» Aber eben. Und wenn ich es mir jetzt recht überlege, habe ich eine noch bessere Antwort für den gebräunten Hippie. Sie kommt von Herzen: «Leck mich an meinem schweissnassen Arsch!» (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.08.2018, 08:35 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter, Maria Künzli, Mirjam Messerli und Fabian Sommer teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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