Psycho-Session

Redaktor Peter Meier über repetives Ratspalaver.

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Was war das denn für eine Session, bitte schön? Da versenkt im Nationalrat etwa eine unheilige Allianz von SP und SVP nach wochenlangen Vorberatungen und langfädiger Debatte zuerst das Budget. Es folgt eine stundenlange Zusatzschlaufe im rhetorischen Wiederholungsmodus – und siehe da: Plötzlich geht dasselbe Budget durch. Ohne dass auch nur ein Rappen daran geändert worden wäre, notabene.

Dito bei der Zuwanderungsinitiative. Mehrstündiges Rats­palaver. Mühselig, repetitiv, sinnlos. Die Debatten sind keine Debatten, sondern aneinandergereihte Ansprachen, Gardinenpredigten und Märchen. Und auch hier landet das Parlament am Ende bloss wieder am Anfang.

Selbst als Politjunkie reibe ich mir angesichts solcher Nullsummen-Monsterdebatten verwundert Augen und Ohren. Was soll das – und wie kommt das ausserhalb der Bundeshausblase an? Ich konsultiere mein weiteres Umfeld. Verkürztes Fazit: Die einen sehen darin einen Akt parlamentarischer Selbstvergewisserung: Sie reden, also sind sie. Die andern mutmassen, die Räte litten an epidemischer Logorrhö – einer krankhaften Form der Geschwätzigkeit.

Dann stolperte ich über zwei aktuelle psychologische Studien. Beide untersuchen, wonach wir andere Menschen beurteilen. Ihr Befund: Wir messen Menschen nicht nur daran, was sie machen und was dabei herauskommt, sondern auch daran, wie sie etwas machen. Das ist nicht unbedingt rational, dafür sehr menschlich. Wer etwa im Zug jemanden auf eine vergessene Tasche hinweist, gilt als guter Mensch.

Wer dem Vergesslichen sogar hinterher rennt, um ihm die Tasche zu bringen, gilt als noch besserer Mensch. Die Bewertung unterscheidet sich, obwohl das Resultat dasselbe ist: Der Besitzer hat seine Tasche wieder. Ob gute oder schlechte Tat – der dafür betriebene Aufwand färbt unser Urteil über den Täter. Die Studien zeigen weiter: Wer für andere erkennbar innere Konflikte ausficht, wird besser bewertet als jemand, der redet und handelt, ohne gross zu zweifeln.

Aha! So machen jetzt auch die epischen Zirkeldebatten im Parlament plötzlich Sinn: Sie dienen nicht etwa der politischen Lösung, sondern vorab der Wirkung aufs Publikum. Neudeutsch heisst das im Trump-Zeitalter: analoges Psycho-Targeting. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.12.2016, 10:10 Uhr

Peter Meier schreibt die Kolumne «Greater Berne» abwechselnd mit den Redaktoren Maria Künzli, Fabian Sommer und Nina Kobelt. (Bild: Urs Baumann)

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