Ohne Visum nach Kiew

Andreas Saurer blickt über den Hag.

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Es war einmal ein grosses Land. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde es unabhängig. Dreizehn Jahre später, 2004, gewann die Ukraine erstmals den Eurovision Song Contest (ESC). Für ihren Hit «Wild Dances» griff Sängerin Ruslana tief in die huzulische Karpaten-Ethnopop-Schublade. Das Finale fand im Jahr darauf in Kiew statt. Um den Prestigeerfolg gebührend und mit vielen Gästen zu feiern, sistierte die Ukraine die Visumspflicht für Bürger der EU und der Schweiz kurzerhand für ein halbes Jahr. Später wurde diese für Touristen ganz aufgehoben.

Umgekehrt aber geschah nichts. Ja, für Ukrainer wurde die Welt sogar kleiner, weil selbst das Reisen in die Nachbarländer Polen, Slowakei, Ungarn und Rumänien schwieriger wurde. Nach deren Beitritt zur EU führten auch sie die Visumspflicht für Ukrainer ein.

Ruslana zählte 2004 zu den Ikonen der Orangen Revolution, und ab Dezember 2013 war sie eine Symbolfigur der proeuropäischen Proteste auf dem Maidan. Ausgelöst wurden diese, weil der damalige Präsident Wiktor Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht mehr unterzeichnen wollte. Sie gipfelten im erzwungenen Machtwechsel in Kiew. Es folgte die russische Annexion der Krim, in der Ostukraine übernahmen prorussische Separatisten die Kontrolle.

Mehr als drei Jahre und über 10 000 Tote später liberalisiert die EU die Visumspflicht für die Ukraine nun doch endlich – abgefedert durch allerlei Vorbehalte und Notbremsemechanismen. Was vor zehn oder auch noch vor drei Jahren ein starkes Signal gewesen wäre, ist jetzt eines der Verlegenheit.

Am Donnerstag hat der EU-Ministerrat die Lockerungen beschlossen, ab Anfang Juni sollen sie gelten – in allen EU-Ländern ausser Grossbritannien und Irland, aber auch in der Schweiz, Liechtenstein, Norwegen und Island. Arbeiten darf man nicht, immerhin werden Bewilligungen für geschäftliche und touristische Reisen sowie Familienbesuche möglich. Gegen die gnadenlose Politisierung des fröhlichen europäischen Schlagerfestivals ist vor dem Hintergrund des russisch-ukrainischen Konflikts kein Kraut gewachsen. Letztes Jahr gewann für die Ukraine die Krimtatarin Jamala mit ihrem Song über die Deportation ihrer Grossmutter. Diesmal wieder­um darf die russische Kandidatin Julia Samoilowa nicht in die Ukraine einreisen, weil sie 2015 auf der Krim aufgetreten war.

Am Samstag also wird der ESC-Sieger zum zweiten Mal in Kiew gekürt. Visumsprobleme haben Besucher aus der EU und der Schweiz keine. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.05.2017, 11:26 Uhr

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es in den «Echt jetzt?»-Kolumnen von Peter Meier, Stefan von Bergen, Gregor Poletti, Andreas Saurer und Lucie Machac. (Bild: zvg)

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