Lügen bleiben kurz­beinig

Redaktor Peter Meier rechnet mit dem internationalen Wort des Jahres ab.

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Es musste ja so kommen. Jetzt ist «post-truth» (postfaktisch) diese Woche auch noch zum internationalen Wort des Jahres gekürt worden. O Mann, ich kanns nicht mehr hören. Echt jetzt. Dieses Gesülze und Gejammer vom «postfaktischen Zeitalter», in dem wir jetzt angeblich leben. In dem es möglich geworden sei, mit dreisten Lügen den Brexit zu erzwingen und gar US-Präsident zu werden. Als ob die Politik je ein Hort der Wahrheit und Sittlichkeit gewesen wäre. Wer das behauptet, ist ein Heuchler.

Politik strebt nach Macht. Und um sie zu bekommen oder zu behalten, bedient sie sich mitunter der Behauptung, der Verdrehung, der List, der Täuschung und ja, auch der Lüge. Das ist beileibe nichts Neues. Der Irakkrieg etwa beruhte auf der monströsen Lüge von Saddams Massenvernichtungswaffen. Neu ist höchstens, dass Politiker bisher versuchten, es zu vertuschen, wenn sie bescheissen – Trump hingegen machte nie einen Hehl daraus. Im Gegenteil: Er war quasi ehrlich unehrlich – und ist damit durchgekommen. Das ist absurd, unbegreiflich, verrückt. Aber leben wir deshalb schon in einer neuen Ära?

Ich greife zu den «Oxford Dictionairies», dem englischen Duden, der «postfaktisch» zum Wort des Jahres erkor. Der Begriff beschreibe «Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Fakten als durch das Hervor­rufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst wird», heisst es da. Hm. Für meine Begriffe ist Politik nie die Präsentation nackter Fakten, schon gar nicht objektiv. Es geht doch vielmehr immer um Interessen und Interpretationen, die das Volk überzeugen sollen. Um Deutungen, eingebettet in Geschichten, die stets auch auf den Bauch zielen. Weil nicht blosse Fakten in der Politik Berge versetzen, sondern der Glaube an deren Bedeutung. Wobei wir nur glauben, was wir glauben wollen.

Ich zum Beispiel glaube nicht, was der Kassandraruf vom «postfaktischen Zeitalter» suggeriert: dass zugespitzte Geschichten in der Politik von nun an ohne die Leitplanken des Faktischen auf Dauer funktionieren. Lügen bleiben kurz­beinig – Trump hin, Brexit her. Der Beweis wird künftig vielleicht mühsamer. Aber nicht unmöglich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.11.2016, 14:10 Uhr

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Peter Meier schreibt die Kolumne «Greater Berne» abwechselnd mit den Redaktoren Maria Künzli, Fabian Sommer und Nina Kobelt. (Bild: Urs Baumann)

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