Läck

Von unbezahlbaren Konversationen mit Taxifahrern.

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Beruflich lasse ich das Emmental nun hinter mir und arbeite künftig in der Stadt. «Läck Bobby», werde ich diese Gegend vermissen.

Es geschah unlängst nach einem verlängerten Feierabendbier. Im Dorf war es schon still geworden. Die Strassen waren leer, die Kneipen nahezu und ich, schön angesäuselt, tat, was in solchen Dörfern sonst niemand tut: Ich bestellte ein Taxi.

Der weisse Mercedes fuhr vor. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz. Am Steuer sass eine Frau in mittleren Jahren mit hellen Augen, die, wie mir schien, schon alles gesehen hatten. Ich gab ihr mein Ziel an. Sie nickte, legte den Gang ein und fuhr los.

«Wie läuft das Geschäft?», fragte ich.
«Mou, mou», sagte sie. «Es wilet sech.» Dann Stille. Oberemmentaler Stille. Zum Abbeissen.
Ob sie denn viele Fahrten gehabt habe heute?
Sie sagte: «Du, es geit.»
Ob Kunden denn, so generell, vor allem ältere Menschen seien oder junge, angetrunkene, wie ich? Ich versuchte Nähe aufzubauen.
«Von beidem», gab sie von sich und haute den Blinker rein.
«Aber unter der Woche wohl eher Ältere, oder?», fragte ich. «Am Abend auch? Oder nur am Tag?»
«Ja, schon auch», sagte sie und schaute seitlich aus ihrem Fenster. Draussen war es finster wie in einer Kuh.
Wie viele Fahrten das denn seien, so durchschnittlich?
«Unterschiedlich», sagte sie und schnaubte ein bisschen.
Ob sie den Job denn gerne mache?
«Mou, doch.»
Das sei doch sicher manchmal auch mühsam, oder?
«Nein, eigentlich nicht.»
Die älteren Menschen seien doch sicher dankbar, oder?
«Ja, doch.»

Und dann fuhr sie um die letzte Kurve. Bremste. Zog etwas zu aggressiv an der Handbremse, schaltete das Licht an und nannte mir ihren Preis.

Ich bezahlte, gab viel Trinkgeld und öffnete schon mal die Türe. Dann drehte ich mich nochmals zu ihr um: «Aber rechnet sich das wirklich? Ich meine, kann das rentieren, Taxi fahren in so einem Dorf?»
«Mou, mou», sagte sie. «Es wilet sech.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.11.2018, 15:47 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter, Simone Lippuner und Sandra Rutschi teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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