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In der Tofu-Hölle

Michael Buchers urbaner Abend begann in einer verkehrsberuhigten Zone mit Sozialpädagogen und Akazienblütensirup.

Sie alle kennen ja diesen Typ Mensch: als Landei geboren, in der Grossstadt aufgeblüht, Wunschkinder gekriegt, zum Spiesser mutiert. Früher zogen solche Menschen wieder in ihren angestammten Lebensraum zurück – aufs Land. Heute bleiben sie einfach in der Grossstadt. Dort kreieren sie mithilfe der Politik ländlich anmutende Wohlfühloasen. In eine solche wurde ich mitgeschleppt. Der Anlass: ein Quartierfest.

Das «ungezwungene Beisammensein» findet in einer verkehrsberuhigten Zone statt – also dort, wo Kinder von Autos nur sanft angefahren werden. Nebst Autofahrern haben es auch Raucher eher schwer. Missbilligende Blicke von stillenden Müttern drängen sie an den Rand der Zeremonie.

Ich beobachte ein Sozialpädagogengrüppchen, das im Schatten von Urban-Gardening-Töpfen an Negronis nippt. Da überfällt mich eine unerhört nette Frau – die sich als Susi vorstellt – mit der Frage, ob ich einen Sirup möchte. Ich lache lauter als beabsichtigt und warte auf eine ironische Brechung – die aber nicht kommt. «Gibts auch Erwachsenengetränke?», frage ich. «Wir mischen den Sirup auf Wunsch auch mit ‹Gügs›», flötet sie. Aus Anstand probiere ich einen rezyklierbaren Becher davon.

Das Buffet gleich daneben ist eine Assemblage von Detox-Food. Ich beisse in ein Roggenschrotbrötchen mit einer Füllung, die nach Seetang schmeckt. Ohne grosses Aufsehen spüle ich den Fremdkörper mit einem kräftigen Schluck Akazienblütensirup hinunter. Was es nicht besser macht.

Eine ältere, leicht übergewichtige Frau mit einer Mary Long im Anschlag drängt ans Buffet. Sie fällt in einer wohltuenden Art aus dem Rahmen inmitten dieser Montessori-Party. «Ich probiere mal diesen Kamikaze-Sirup», raunt sie Richtung Susi Sorglos. Diese lächelt irritiert: «Welche Sorte denn?» Das hat sich die gute Frau offenbar noch nicht überlegt.

Auf einer Holzbank nebenan frischen sich junge Mütter gegenseitig mit den neusten Entwicklungsschritten ihrer Sprösslinge auf: «Jasper kann im Fall schon Papi sagen!» – «Seraphin hat neulich ein Auto gezeichnet!» – bestimmt ein Elektroauto, denke ich. «Zwätschge», rufts plötzlich von hinten. Ach so, Mary Long hat sich für die Sirupsorte entschieden. Bevor jemand eine Ukulele hervorzaubert und «Kumbaya My Lord» anstimmt, verlasse ich diese Tofu-Hölle.

Auf dem Weg zum Bahnhof besorge ich mir in einem Tankstellenshop ein vakuumiertes Lyoner-Weggli und eine Dose Feldschlösschen.

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