Ich und die andere

Die Flüchtlingskrise ist noch nicht ganz im Fernsehen angekommen. Dort sind Aliens wirklich noch Aliens.

Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag. In Serien spielt das Thema eine marginale Rolle.

Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag. In Serien spielt das Thema eine marginale Rolle. Bild: Keystone

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Wieder einmal eine Baustelle, Umleitungen. Ich muss ziemlich desorientiert ausgesehen haben, wie ich so vor der Informationstafel rumstand, auf jeden Fall eilte ein aufmerksamer Bernmobil-Mitarbeiter sogleich auf mich zu – und erklärte mir auf Hochdeutsch mit markantem Schweizer Akzent, wo ich umsteigen musste. Ich wusste nicht, wie darauf reagieren (Spontanitätsproblem, nennt man das wohl), und so kam mir nichts besseres in den Sinn, als mit einem ebenso ausgeprägten helvetischen Akzent «Dankeschön» zu murmeln.

Es war einer der raren Momente in meinem Leben, in denen ich mich als «Die Anderen» fühlte. Klar, auf Reisen ist das öfters der Fall, oder wenn ich sage, dass ich keine Peperoni mag, aber selten vor der eigenen Haustür. Ich grübelte und als Serienjunkie tauchte bald die Frage auf: Existieren eigentlich gute Produktionen über Migranten? Ich kam zum Schluss: kaum.

Im Comedy-Bereich gibt es mit «Türkisch für Anfänger» oder «Citizen Khan» ein paar Beispiele, die Seifenopfer «Lindenstrasse» nimmt sich immer wieder dem Thema an, aber internationale Hochglanz-Dramen setzen lieber auf Metapher – und schicken Mutanten («Heroes»), Klone («Orphan Black») oder mythologische Gestalten («Being Human») für das «Andere» in den täglichen Assimilationskampf. Immerhin hat der deutsch-französische Sender Arte für 2017 eine Serie über die aktuelle Flüchtlingssituation angekündigt.

Zurück ins Quartier, dieses Mal im Lebensmittelgeschäft: Ich stehe mit einem (!) Jogurt an der Kasse und werde vom Verkäufer argwöhnisch gemustert. Schliesslich tadelt er mich auf Schweizer-Hochdeutsch: «Sie dürfen die nicht abknicken. Sie dürfen die nur im Doppelpack kaufen.» Die anderen Schlangestehenden werfen mir genervte «Typisch Ausländerin»-Blicke zu. Ich streiche meine dunklen Haare aus dem Gesicht und entgegne – dieses Mal auf Berndeutsch: «Sorry.» Eine Kollegin kommentiert die Szenen lakonisch: «Zwei klare Fälle von aktiver Desintegration.»

Alle Folgen des Serienjunkies finden Sie hier.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.06.2016, 10:51 Uhr

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