Glück und Kreide

Maria Künzli über zwischenmenschlich Hochphilosophisches in der Migros-Kantine.

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Jede Woche, wenn das Kind im Fussballtraining Bällen hinterherjagt, gehe ich ins Migros-Restaurant. Nicht, weil es dort so schön ist, sondern weil es da zwischenmenschlich Hochphilosophisches zu erleben gibt. Wer das Leben verstehen will, muss in ein Migros-Restaurant gehen (im Coop-Restaurant klappt das sicher auch).

In der Genossenschaftskantine meines Vertrauens in Berns Agglo sitzt zum Beispiel jede Woche ein Herr am kleinen Tisch neben der Abräumstation. Auf den ersten Blick ein normaler Geschäftsmann um die fünfzig – grau meliertes Kurzhaar, dunkler Anzug, Rollkoffer unter, Kaffee auf dem Tisch.

Meistens, wenn ich ihn sehe, telefoniert er angeregt. In gebrochenem Englisch erzählt er amüsiert von seinem Tag, von anstrengenden Meetings, von seinem Boss, der ihn wieder mal von Termin zu Termin gescheucht hat, während er selbst sich mit Geliebten in Hotels amüsiert.

Alles recht normal also, würde der Mann das Gespräch nicht jedes Mal führen. Exakt dasselbe Gespräch. Bei ausgeschaltetem Telefon.

Oder neulich Vater und Tochter: Sie wohl Ende fünfzig, er vielleicht Ende achtzig. Sie redet nicht sehr viel, lächelt ihn an, hin und wieder streichelt sie seine faltige Hand.

Er erzählt von Krimis, die er gelesen, von Kochsendungen, die er gesehen hat, und von früher, als seine Frau noch mit ihm fernsah. Die Tochter hört zu und lächelt. Irgendwann stehen sie auf, die Tochter bringt das Tablett zur Abräumstation.

Der Vater zieht sich seine Jacke umständlich an. Beim Versuch, den Reissverschluss zu schliessen, geben seine zittrigen Finger Forfait. Die Tochter eilt herbei und hilft ihm. «Wie früher», sagt er, «nur umgekehrt.» Beide lachen.

Und da ist das schweigende graugreise Pärchen, das wie der Geschäftsmann immer am gleichen Tisch sitzt. Hinten links am Fenster. Er trinkt Milchkaffee und blättert in einer Gratiszeitung, sie isst ein süsses Teilchen und himmelt den jungen Restaurantfachangestellten an.

Nach einer Stunde verlasse ich das Restaurant und gehe zurück zur Turnhalle. Dort riecht es nach Kreide und nassem Hund. Ich nehme das verschwitzte Kind in Empfang, schliesse den Reissverschluss seiner Jacke und denke: Das Leben ist schön. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.02.2018, 20:39 Uhr

Maria Künzli, Redaktorin. (Bild: zvg)

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Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Maria Künzli, Nina Kobelt, Martin Burkhalter und Fabian Sommer teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch

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