Fit wie ein Tanzschuh

Der Serienjunkie versucht es mit Sport und einer neuen Serie: «Ku’damm 56». Etwas davon begeistert ihn. Jetzt raten Sie mal, was!

Generationenkonflikt Rock'n'Roll: «Ku’damm 56» lässt die Fünfzigerjahre wieder aufleben.

Generationenkonflikt Rock'n'Roll: «Ku’damm 56» lässt die Fünfzigerjahre wieder aufleben. Bild: zvg

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«Treib doch mal wieder Sport, du wirst dich gleich viel lebendiger fühlen!», sagt der Kollege und tritt vergnügt von einem Bein aufs andere (oder joggt er im Stehen? Who knows...). Er weiss: Wenns um Sport geht, bin ich so motiviert wie eine Kuh an der prallen Sonne. Auch bei deutschen Serien fehlt mir oft der Antrieb. Dann heisst es vom Kollegen: «Schau doch mal wieder etwas anderes als US-Produktionen!» Ich versuche beides und stelle den Hometrainer vor dem Fernseher auf.

Dann zappe ich mich durchs deutschsprachige Internetangebot und starte gleichzeitig mit meinem Gestrampel «Ku’damm 56». Und bäm! Nach wenigen Tritten bin ich schon total energiedurchflutet. Die dreiteilige ZDF-Miniserie, die im April erstausgestrahlt wurde, erzählt das Leben in den Fünfzigerjahren aus Frauenperspektive: Im Berlin des Nachkriegsjahrzehnts versuchen drei Schwestern, ihren Weg zu meistern – unter dem strengen Blick der Mutter (Claudia Michelsen). Diese führt ein Tanzstudio und verweigert sich dem Rock’n’Roll, schliesslich ist das ein unanständiger Tanz, der da aus den Vereinigten Staaten vordringt. Ausgerechnet ihre mittlere Tochter Monika (Sonja Gerhardt), die Hauptfigur, lebt ihre Sexualität heimlich im Rockabilly-Untergrund aus. So gefesselt hat mich schon lange nichts mehr (sorry, Hometrainer).

Die Serie tappt zwar in ein paar Klischeefallen (schlagender Gatte, patriarchischer Unternehmer), doch die meisten Figuren sind äusserst differenziert gezeichnet. Selbst ein Vergewaltiger erntet in den von Annette Hess geschriebenen Drehbüchern Sympathiepunkte.

Zudem packt die Geschichte mit subtilen Anspielungen auf die Schrecken der nahen Vergangenheit: ein Musiker hat eine KZ-Nummer tätowiert, Blicke aus den Fenstern führen auf zerbombte Gebäude, und einige der Figuren verstecken noch die ­Nazikluft im Wandschrank.

Mit viel Liebe zum Detail lassen die Serienmacher die Fünfzigerjahre wieder aufleben, vom neuartigen Eierkocher über die Tellerröcke bis zur Colaflasche – ein Vergleich mit «Mad Men» (2007–2015) drängt sich auf, jene viel gepriesene Serie, die den Stil und die Gesellschaft der frühen Sechziger aufleben liess.

«Ku’damm 56» begeistert mich so sehr, dass ich mich neben den Hometrainer setzen muss. Mit einer Packung Chips.

Staffel 1 auf www.zdf.de oder Netflix. Eine 2. Staffel ist angekündigt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.09.2016, 11:34 Uhr

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