Ein Kunstwerk in einer Einstellung

Jürg Mosimann, ehemaliger Sprecher der Kantonspolizei Bern, meldet sich in unregelmässigen Abständen zum «Tatort» zu Wort.

Alle Akteure (im Bild Stefan Gubser) ­wurden von der Unerbittlichkeit des Augenblicks dirigiert.

Alle Akteure (im Bild Stefan Gubser) ­wurden von der Unerbittlichkeit des Augenblicks dirigiert. Bild: zvg/SRF

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schweizer «Tatort»-Folgen werden oft zur Zielscheibe deutscher Medien. Diesmal war es nicht anders: Die «Bild»-Zeitung berichtete, dass der Plot bereits beim Vortest durchgefallen sei. Und die «Süddeutsche Zeitung» mutmasste, dass es nicht mehr lange gehe, bis die ARD die helvetischen Folgen aus dem Programm kippe, weil sie im «Mumpitz-Ranking» ganz oben stünden.

Aber: Ätsch! Daneben! Die Folge «Die Musik stirbt zuletzt» war alles andere als Bullshit. Sie war schlicht ein Kunstwerk! Regisseur Dani Levy hatte keinen Bock auf einen herkömmlichen Kriminalfilm. Er wollte mehr. Er wollte einen One-Shot made in Switzerland. Und so wurde die ganze Handlung in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht! Keine Schnitte, keine Wiederholungen, nichts. Alle Akteure wurden von der Unerbittlichkeit des Augenblicks dirigiert. Dank dieses One-Taker-Experiments hatte ich oft das Gefühl, ebenfalls am Benefizkonzert im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum (KKL) zu ­sitzen.

Dort sass Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) in feiner Abendgarderobe. Nach einem Mord an einem Musiker war für sie jedoch Schluss mit der musikalischen Hingabe. Jetzt war gute und rasche Polizeiarbeit gefragt. Ritschards Kollege Reto Flückiger (Stefan Gubser) wurde direkt vom Fussballstadion ins KKL beordert. In seinem blau-weissen Fanshirt des FC Luzern mit passendem Schal, Dreiviertelhose und den Flipflops wirkte er inmitten der elegant gekleideten Leute wie eine Abart der feinen Gesellschaft.

Bei der Suche nach der Täterschaft waren die Nerven der beiden Ermittler – wie übrigens bereits in früheren Folgen – ihre grössten Wider­sacher. Immer wieder standen sich Ritschard und Flückiger mit ihren unnötigen Gefühlsaus­brüchen und der gegenseitigen übertriebenen Anpflaumerei selber im Weg.

Mich wunderte es nicht, dass Flückiger plötzlich ausrief: «Ich bin langsam zu alt für diesen Scheissberuf!» Leider werde ich nie erfahren, welchen Beruf er damit gemeint hat.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 05.08.2018, 16:41 Uhr

Jürg Mosimann

Artikel zum Thema

Der neue Schweizer «Tatort»: Mut zum Übermut

Dani Levys «Tatort» kommt ohne Schnitt aus. Eine Stilübung eher, aber nicht so schlecht, wie sie im Voraus gemacht wurde. Mehr...

Tatort: Lebenslüge führte ins Verderben

Jürg Mosimann, ehemaliger Sprecher der Kantonspolizei Bern, meldet sich in unregelmässigen Abständen zum «Tatort» zu Wort. Mehr...

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 29.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

History Reloaded Der radikale Moralist

Bern & so Karaoke

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...