Die Onlinemütter

Maria Künzli über Onlinetauschbörsen für Kindersachen.

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Ich spannere gern. Auf Onlinetauschbörsen für Kindersachen. Die Art, wie einige Mütter (Väter sind dort so gut wie nicht anzutreffen) ihrem Tausch-, Kauf- und Verkaufswahn huldigen, ist so faszinierend wie verwirrend. Da werden im Mütterslang (ja, so was gibt es) Dinge angeboten, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte.

Da gibt es «Puddle Jumper» aus «tierlosem Nichtraucherhaushalt». Oder Bauch-Formgürtel für die «SS» (Schwangerschaft), «gut erhalten, mit Fusselspuren». Diverse Milchpumpen («gebraucht, ausgekocht»), Käppli («nur 1× getragen von meinem Sonnenschein»), Baby-Crocs, ja echte Kaninchen gar.

Ich wollte auch mitmachen und bot unseren Kinderwagen zum Verkauf an: ein paar Fotos, ein kurzer Text (Marke soundso, Farbe Rot, gebraucht, rollt einwandfrei). 200 Franken, Originalpreis 1300 Franken. Das schien mir fair.

Falsch gedacht. Sogleich wurde ich per «PN» (persönliche Nachricht) und in öffentlichen Kommentaren verhört und verhöhnt. «Runter mit dem Preis!», hiess es da. Ob sich das Rot des «Kiwa» für einen Jungen eigne, wollte «Mumu L.» wissen («Ist es ein sattes Rot, ein leuchtendes Dunkelorange oder eher ein himbeerfarbenes Hellrot?»). Mein Kommentar, es handle sich nicht um Lippenstift, sondern um ein Fortbewegungsmittel, wurde mit zahlreichen Smileys in der Farbe des Kinderwagens quittiert.

Tagelang führte ich härteste Verhandlungen und musste mich vor der Onlinemüttergilde rechtfertigen. Warum der Wagen keinen «Maxi-Cosi-Adapter» und kein «Sose» (Sonnensegel) habe, wollte «Mausi89» wissen. Ob ich das Teil zu ihr nach Hause liefere, fragte «Jenny L.» aus Brig. Sie nehme ihn für 25 Franken, bot mir «Supermami» schliesslich an.

Ich habe den Kinderwagen ins Brockenhaus gebracht. Dort hat man sich sehr nett bei mir bedankt. Und mir erst noch einen Kaffeegutschein geschenkt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.08.2016, 18:29 Uhr

Maria Künzli (36) schreibt die Kolumne «Greater Berne» ab- wechselnd mit den Redaktoren Fabian Sommer, Peter Meier und Nina Kobelt.

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