Zum Hauptinhalt springen

Die Gang

Wie Biel von der Gangsterstadt zum Kinderparadies wurde.

Simone Lippuner

Kürzlich bretterte mein Sohn mit seinem Bobbycar dermassen dröhnend über die Pflastersteine der Bieler Altstadt, dass die Tauben ihren Wackelkopf einzogen und hysterisch davonstiefelten. Der Knirps handhabt das wie die grossen Männer: Je schneller und lauter, desto lustiger.

Diese flüchtenden Tauben erinnerten mich an weit weniger lustige Momente. Daran, wie ich im Hitzesommer 2003 Opfer der Residenzpflicht wurde. Als junge Schreiberin holte mich der Chef einer Lokalzeitung von Bern nach Biel. Das Salär reichte nur für eine kleine Loge in der Altstadt, WC auf dem Gang, Dusche in der Küche, unten eine Prostituierte, oben ein Junkie. Das Schlafzimmer ging hinaus in den «Ehgraben»: Streitende Paare liessen dort früher das Geschirr runterkrachen, meine Katze jagte in diesem modernden Sandsteinkorridor die Tauben und schleppte sie zum Fenster rein aufs Bett.

Der Rest des Geldes ging für die Reise nach Bern drauf: Der Intercity wurde zum Transportmittel zwischen Himmel und Hölle. Biel widerte mich an. Die heruntergekommenen Blöcke, die Provinzsause Braderie, leere Schaufenster und volle Männer an jeder Ecke, beim Bahnhof schon das besoffene Geröhre, das reinste Ghetto. Ich kehrte der Gangsterstadt in jeder freien Minute den Rücken – bis mir jemand dort so richtig den Kopf verdrehte. Da tauchte ich ein. In den See, die maroden Aussenquartiere, die Industriebrachen und die endlosen Nächte, rein in diesen Wilden Westen mit seinen unzähmbaren Wesen. Die Stadt hatte mich. Und Bern hatte mich verloren.

Nun haben wir 2018. Wieder ein Hitzesommer. Die Stadt am See ist ein gigantischer Spielplatz für den Knirps und seine Kumpels. Tauben jagen. Steine in den See werfen oder Sand ins Gesicht der anderen. Mit seinen zwei engsten Freunden erobert er jeden Tag ein Stück Welt. Wir nennen die drei «The Gang» – wie es sich für Biel gehört.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch