Der Sockenmann

Maria Künzli über die tiefenpsychologische Wirkung von Socken.

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Neulich im Tram. Vor uns unterhalten sich zwei Männer, beide Mitte vierzig. «Ich überlege, ob ich noch ein Psychologiestudium machen soll», sagt der ei­ne, «denn . . .» – «Ja, mach das», unterbricht ihn der andere, «dann kannst du herausfinden, warum du immer bunte Socken mit lustigen Motiven trägst.» Er verstehe diesen Trend nicht, fährt er ungebremst fort. «Kindersocken für Männer! Das ist doch bescheuert, nicht?», ereifert er sich.

Sogar bei Politikern sei diese Unsitte angekommen. «Kannst du einen Staatsmann ernst nehmen, der Socken trägt mit Enten drauf? Also ich nicht.» Der Psychologe in spe räuspert sich: «Nun ja, ich denke . . .» – Vielleicht trügen manche Männer gerade deswegen bunte Socken, unterbricht ihn eine ältere Frau aus der vorderen Sitzreihe, «als taktischen Schachzug». Der Psychologe nickt verhalten. Auf seinem Gesicht macht sich Ratlosigkeit breit.

«Wie meinen Sie das?», fragt der andere. «Nun ja, wenn jemand was Langweiliges sagt und dabei schwarze Socken trägt, wirkt das anders, als wenn jemand dasselbe sagt mit bunten Socken.» Man könne so auch negative Botschaften geschickt verharmlosen, sagt die Frau. Der angehende Psycho­loge macht eine Geste, als wollte er etwas sagen.

Zudem neigten wir dazu, Menschen mit ­lustigen Attributen zu unterschätzen, fährt die Dame unbeirrt fort. «Wenn ein Vermummter zu Ihnen sagt: Hände hoch und Geld her, haben Sie mehr Angst, als wenn die Äusserung von jemandem mit Clownnase kommt.» Unterschätzt zu werden, sei ein Problem, aber auch eine Chance, die ein geschickter Mensch für sich nutzen könne, ergänzt der Kollege des Jungpsychologen den Gedanken der älteren Frau. Frau und Kollege tauschen anerkennende Blicke aus.

«Handpuppen!», ruft nun das Kind neben mir. Mit bunten Socken könne man lustige Handpuppen basteln. «H-a-n-d- p-u-p-p-e-n», wiederholt der Psychologe bedeutungsschwanger. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.02.2018, 13:03 Uhr

Maria Künzli, Redaktorin. (Bild: zvg)

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