Demut ist das neue Ketchup

Herr Bundesrat Cassis spricht drei Landessprachen fliessend, ich nicht, aber ich verstehe einiges, wie ganz viele Menschen in unserem gut ausgebildeten Land. Regelmässig suche ich deshalb in Anfällen von Überheblichkeit nach neuen Herausforderungen.

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Dieses Jahr fand ich sie in Athen in Form eines Sprachkurses. Während meiner Ferien. Ich dachte, damit könnte ich mir den Gang auf die Akropolis ersparen, eine schweisstreibende Angelegenheit, wie ich aus Erfahrung weiss.Erster Tag, erste Stunde: Der Schulleiter empfängt mich persönlich.

Fchrpsi inistfrchr alsshfkaaa? Sagt er. Und: Kalipachsdf efmhchr. Oder so. Ich erwidere strahlend: Ketsap! Das ist eines der zehn griechischen Wörter, die ich kenne. Hilft ungemein und in jeder Situation. Also, nicht.

Fchrpsi inistfrchr alsshfkaa, sagt der Rektor, ohne mit der Wimper zu zucken, und verschwindet.

Auftritt Sophia. Sie wird meine Lehrerin sein für die nächsten Tage. Auf Englisch erklärt sie mir, dass wir sofort loslegen würden (ich hätte gerne noch Kaffee getrunken, um ehrlich zu sein), knallt mir mein Buch hin und schreibt das Alphabet an die Tafel. Das griechische.

Ich beginne zu schwitzen.

Und höre nicht mehr auf, viele, viele qualvolle Stunden lang, Tag für Tag.

Denn kaum habe ich einen Buchstaben entziffert, steht ein anderer da, der mir wie die griechische Mythologie vorkommt: irre. Kaum habe ich es geschafft, ein Wort zu lesen, zum Beispiel poly, also «viel», und bin endlos stolz, schreit Sophia: polý! Die Betonung ist auf dem y! Ganz schnell ändere ich mein Signature-Word Ketchup in Demut. Einen Ausdruck, den Luther einst mit «die Haltung des Geschöpfes zum Schöpfer» übersetzt hat, im Sinne von: vom Knecht zum Herrn. Es bedeutet auch, dass man aus freien Stücken akzeptiert, dass es Unerreichbares, Höheres gibt.

Trotzdem gebe ich nicht auf, obwohl ich mich ziemlich bald in Gedanken auf die Akropolis joggen sehe – alles ist einfacher als das hier. Einmal rufe ich mutig «Jassas, Kostas!», als der Schulleiter vorbeiläuft. Sophia bemerkt trocken: Es heisst jassas, kyrie Kosta, du musst den Vokativ brauchen und Herr Kostas sagen, er ist ja nicht ein Freund.

Nein, das ist er nicht, wird es wohl auch nie werden, obwohl das nicht sein Fehler ist. Ein wirklich guter Kumpel während dieser Woche bewahrt mich beim Voci-Lernen am Abend in der Tavérna davor, mich in Ketchup zu ertränken und Griechen auf Schweizerdeutsch anzuschreien. Krasi heisst Wein. Ein Wort, das ich mir mühelos merken kann, weil es ein wenig so klingt wie der neue Bundesrat und noch viel mehr, wie sich diese Herausforderung anfühlt: krass. Polý krass.

Glaubs. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.09.2017, 17:32 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! ­Nina Kobelt, Maria Künzli, Martin Burkhalter und Fabian Sommer führen an dieser Stelle unter dem Titel «Bern & so» die Kolumne «Greater Berne» weiter. Sie teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch. (Bild: Nina Kobelt)

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