Das grosse Morden

Was man von der Schwingerlegende Jörg Abderhalden über den korrekten Umgang mit Wespen lernen kann.

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Den ganzen Sommer über musste ich ans «Eidgenössische» 2013 denken. Warum? Die Wespe ging um.

Während die Honigbiene heutzutage einen schon fast hei­ligen Status erreicht hat, scheint es ihrer Verwandten, der Wespe, ganz anders zu ergehen. Sie scheint so etwas wie das schwarze Schaf der Arten­familie zu sein. Und diesen Sommer hat, so scheint mir, diese Abneigung ihren Höhepunkt erreicht.

Was ich nicht alles mit ansehen musste: Ich sah Menschen, die Tiere lustvoll zwischen blossen Händen zerquetschen. Ich sah zusammengerollte Magazine laut auf Tische niederdonnern. Ich sah sogar so eine Art Tennisschläger, mit einem Draht­geflecht, das sich elektrisch auflädt und die eingefangenen Wespen bei lebendigem Leibe grillt, zum Einsatz kommen.

Ich dachte: meine Güte, piano, piano. Und erinnerte mich eben an das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Burgdorf. Und zwar ganz konkret an Jörg Abderhalden, Schwingerkönig von 1998, 2004 und 2007. Seit dem Sommer 2013 mein ganz persönlicher Held, aber nicht wegen seiner Erfolge im Sägemehl.

Damals gehörte er zum Expertenteam der Moderation und analysierte die jeweiligen Kämpfe. Jörg Abderhalden sitzt also in diesem Freiluftstudio und kommentiert den letzten Gang. Und was summt und schwirrt da über dem Moderatorenpult? Jawohl.

Zuerst findet die Wespe den Schaumstoff des Mikrofons interessant, dann das Wasserglas auf dem Tisch, dann aber plötzlich den Schwingerkönig. Sie fliegt auf ihn zu, schwirrt, kreist und landet auf der Stirn des 120 Kilo schweren Mannes, der ein gutes Stück Fleisch zu seinem Lieblingsessen und ein Glas Milch zu seinen bevorzugten Getränken zählt, wie es im Profil auf der Website des Schwingerverbands heisst.

Die Wespe setzt sich also seelenruhig auf diese mächtige Stirn von diesem mächtigen Mann. Es ist heiss, die Scheinwerfer, die Kameras, Hunderttausende Augenpaare vor dem Fernseher sind auf diese Wespe an dieser Stirn gerichtet. Landauf, land­ab schauen die Menschen mit offenen Mündern, Sofakissen an die Brust pressend und auf den Lippen kauend zu, wie dieses gelb-schwarze Getier über diese schon fast adelige Stirn krabbelt, und warten.

Und was tut Jörg Abderhalden? Nichts. Keine Regung. Er spricht minutenlang weiter, so, als hätte er sie nicht einmal bemerkt. Dann fliegt die Wespe davon. Ein Held. Jawohl. Nicht nur im Sägemehl. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 16:01 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! ­Nina Kobelt, Maria Künzli, Martin Burkhalter und Fabian Sommer führen an dieser Stelle unter dem Titel «Bern & so» die Kolumne «Greater Berne» weiter. Sie teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch.

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