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Black Friday

Was ein Besuch im Nachtclub mit einem Tag an der Börse gemein hat.

Michael Bucher

Eine Nacht in einer Diskothek ist wie ein Tag an der Börse. Das beginnt schon vor den Toren des an­gepeilten Tummelplatzes. Ein Nachtclub ohne Warteschlange davor ist kein guter Nachtclub. So sagt man.

Ich und meine Kumpels stehen uns also freitags vor einem nicht namentlich genannten Edelschuppen in Bern die Beine in den Hintern. Als uns der Türsteher mit dem berufstypischen dreieckförmigen Oberkörper endlich passieren lässt, betreten wir einen halb leeren Raum.

War ja klar. Ein typischer Fall eines Sub­prime-Clubs – der Inhalt hält nicht, was die Verpackung ­verspricht.

Im hormongeschwängerten Tanztempel wollen alle ihr Recht auf Spass einfordern. Auf dem Basar der Eitelkeiten herrscht ein unbeug­samer Wettbewerb. Eine auf­gedrehte Männergruppe hat sich mitten auf der Tanzfläche in Stellung gebracht – «going public» ist erst mal angesagt, Marktwert testen und so.

Ihnen gegenüber lehnt eine Blondine lässig am Bartresen. Einer nach dem andern aus dem gierigen Männerverbund versucht die Dame von seinen Vorzügen zu überzeugen. Doch die Schönheit ist nicht an ei­nem Zusammenschluss inte­ressiert. Dafür muss sich nun ihre mit einer etwas weniger guten Veranlagung ausgestat­tete Begleiterin das Gelaber der Stelzböcke an­hören.

Das Börseneinmaleins greift an diesem Abend: Bei Männlein und Weiblein sind die sicheren Anlagen früh vergriffen, während bei den instabilen ­Titeln zugewartet wird. Wer weiss, vielleicht taucht ja noch eine Triple-A-Anlage auf?

Ich bestelle an der Bar drei ungeniessbare Heineken in Viertelliterfläschchen und zwei Gin Tonic. Für den fälligen ­Betrag hätte ich mir einen Handstaubsauger kaufen ­können. Selbst die ­Getränke sind hier überbewertet. Doch das scheint den Konsumierenden egal zu sein, der Name des Clubs zählt schliesslich.

Es kommt zu unschönen ­Bildern. Top gestylte Damen verlieren vor lauter offerierten Longdrinks ihre Grobmotorik. Ein befriedigendes Return on Investment kann nicht mehr erwartet werden. Und ehe man sich versieht, ist halb vier Uhr morgens, die Lichter gehen an und offenbaren die unbarm­herzige Marktlogik: Einzig die Ladenhüter bleiben bis Börsen- . . . äh, pardon, Clubschluss unangetastet.

Die Türsteher spedieren ­nimmermüde Suchende nach draussen. Dort lässt sich ein Jungspund aus dem leer ausgegangenen Wolfsrudel noch einmal die Drinks des Abends durch den Kopf gehen. Marktübersättigung nennt man das.

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