Berner, reisst euch am Riemen

Gregor Poletti, ein Urner, über die politische Bürde des Kantons Bern.

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Eigentlich muss man mit den Bernern Mitleid haben. Da haben sie das Bundeshaus auf ihrem Territorium und stellen gleich zwei Vertreter im Bundesrat, verlieren aber trotzdem immer mehr an politischem Einfluss. Denn nun ist es Tatsache: Der Kanton Bern büsst bei den nächsten Nationalratswahlen erneut einen Sitz ein, dies nachdem bereits 2015 ein solcher flöten gegangen ist.

Welche Kränkung für den einst so stolzen Mutzenkanton, der in den 60er-Jahren noch 33 Abgeordnete stellte. Aktueller Stand: 25 Mandate in der Grossen Kammer des eidgenössischen Parlaments. Dies hat auch damit zu tun, dass in der jüngeren Vergangenheit Regionen wie etwa das Laufental Reissaus nahmen. Mit dem Austritt der Gemeinde Moutier dürfte die Bevölkerungszahl noch weiter schwinden und mit einem weiteren Sitzverlust im Jahre 2023 zu Buche schlagen.

Was genau läuft hier falsch? Schliesslich empfinden sich der Berner und die Bernerin doch meist als gemütlich, freundlich und gesellig. Also kein Grund, einen Bogen um den Kanton zu machen oder ihn ganz zu verlassen. Aber was die Bewohner des flächenmässig zweitgrössten Schweizer Kantons nicht so ganz wahrhaben wollen, ist, dass sie sich halt am liebsten mit sich selber beschäftigen und dem Unbekannten eher skeptisch gegenüberstehen.

«Dem Fremden gegenüber ist der Berner häufig zurückhaltend, wenn nicht gar misstrauisch», konstatierte der Schriftsteller Otto Friedrich Rudolf von Tavel bereits Anfang des letzten Jahrhunderts. Die Einschätzung hat Gewicht, wurde von Tavel doch 1866 in Bern geboren und verstarb ebenda. Dies hindere den Berner zwar nicht, sich freundlich mit dem Gast einzulassen, folgerte der Literat: «Aber eigentlich zuvorkommend ist er ­selten.»

Kein Wunder, fühlen sich fremde Fötzel aus anderen Schweizer Kantonen in Bern oft nicht wirklich willkommen. Und lassen sich viel zu selten hier dauerhaft nieder. Das äussert sich auch darin, dass das Bevölkerungswachstum im Kanton Bern bedeutend langsamer ist als in den meisten anderen Kantonen. Also liebe Bernerinnen und Berner, reisst euch ein bisschen am Riemen, und lasst uns Auswärtige nicht links liegen.

Was bin ich froh, bin ich ein Urner. Ich kann grantig, grimmig und griesgrämig sein, ohne zu fürchten, dass sich das in einem Sitzverlust im Nationalrat rächt. Wir haben nur einen solchen, und den kann man uns gemäss Bundesverfassung auch nicht wegnehmen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 02.09.2017, 08:33 Uhr

Gregor Poletti.

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