Ab nach Vanuatu

Maria Künzli über den schwierigen ersten Schultag des eigenen Kindes.

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Schule, Tag eins von Tausenden und Abertausenden: Das Kind ist freudig aufgeregt, ich ein seelisches Wrack. Gedanken schiessen wie Giftpfeile durch meinen Kopf. Sie ist doch noch so klein! Findet sie Freunde? Findet sie die Toilette? Wird sie kompliziert und wissbegierig (mit Hang zum Strebertum) wie ihre Mutter oder schlau und faul (mit Hang zur Vergesslichkeit) wie ihr Vater? Wie stelle ich es an, dass ich nicht vor der Lehrerin zu heulen anfange, sondern erst im Treppenhaus?

Und während ich so im Klassenzimmer stehe, mir auf die Lippen beisse, weil Schmerz von Schmerz ablenkt, sehe ich plötzlich: heulendes Elend überall. Eine Mutter knabbert nervös an ihren Fingernägeln, ein Vater starrt die Wand statt seines Kindes an, und eine andere Mutter hat die Contenance verloren, steht da mit feuchten Augen und schaut ihr Kind an, als würde sie es per Frachtpost nach Vanuatu verschiffen lassen.

Am Mittag dann, nach einem langen Vormittag, habe ich mir das Schlimmste ausgemalt: Die Lehrerin ist ungeheuer streng und hat den Kleinen schon jede Menge Rüffel und Hausaufgaben verteilt. Vielleicht waren die Mitschüler fies, der Hauswart ein Kinderschreck, und natürlich sind auch Schüler in den Bach neben dem Schulhaus gefallen.

Schliesslich kommt das Kind nach Hause. Wütend schmeisst es den Schulranzen in die Ecke. Schule sei blöd. Die Lehrerin gemein.

Wusst ichs doch! Wir hätten der Steinerschule eine Chance geben sollen. Warum die Lehrerin gemein sei, will ich dann doch noch wissen. «Sie hat uns nicht mal Hausaufgaben geben wollen», sagt das Kind empört.

Ich denke mal: Sie kommt nach mir. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.09.2016, 10:46 Uhr

Maria Künzli (36) schreibt die Kolumne «Greater Berne» ab- wechselnd mit den Redaktoren Fabian Sommer, Peter Meier und Nina Kobelt.

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