Sorry

Wie schnell sich Vorurteile in Scham verwandeln können.

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Die ganze Bahnhofsunterführung roch süsslich nach dem Kraut, das man heute gegen diese schrecklichen Nervenkrankheiten nimmt. Schon von weitem sah ich den Mann mit den eingefallenen Wangen, den zerschlissenen Jeans, den schmutzigen Turnschuhen und der Kapuzenjacke. Drei, vier Leute vor mir sprach er an, die alle ein bisschen zu heftig den Kopf schüttelten und dann die Treppen zum Gleis hoch, zwei Stufen gleichzeitig nehmend, flogen.

Auch auf mich kam er dann zu. Ob ich denn öfters in der Migros einkaufen ginge, fragte er mich, was ich bejahte. Er habe da noch einen 10- und einen 30-Franken-Gutschein. Ob ich ihm vielleicht jenen für 10 Franken abkaufen würde?

Ich dachte kurz nach, klaubte eine 10er-Note aus der Hosentasche und hielt sie ihm hin. Er griff danach und gab mir die noch mit dem Verkaufskarton versehene Migros-Gutschein-Karte. «Ich schwöre dir», sagte er, «dass...» und ich erwiderte umgehend: «Ich glaube es dir.»

Ich eilte die Treppen hoch, setzte mich in den Zug, und während draussen diese herrliche Emmentaler Hügellandschaft vorbeizog, merkte ich, wie wichtig mir der Gedanke war, dass ich innerlich bereits davon ausging, dass diese 10 Franken höchstwahrscheinlich verloren sind. Dass ich eben wusste, dass es eine Abzocke sein könnte, deshalb niemandem auf dem Leim gegangen war und von daher einfach nur gut, nett, uneigennützig gehandelt hatte, ja ein kleiner Wohltäter war.

Gespannt war ich trotzdem. Am nächsten Morgen an der Migros-Theke bestellte ich ein gesundes Müesli, übergab der Dame an der Kasse etwas aufgeregt die Plastikkarte, kniff die Augen zusammen und: Piip. «Danke, einen schönen Tag.»

Und ich schämte mich ein bisschen, über die Vorurteile, die ich Coop-Kindern gegenüber immer noch habe. Die bekommt man halt schon mit der Muttermilch mit. Aber trotzdem: Sorry. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.03.2018, 17:28 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter, Maria Künzli, Mirjam Messerli und Fabian Sommer teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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