Soll ich betteln oder töten?

Lucie Machac lotet Grenzen aus.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit einer Woche spiele ich Flüchtling. Auf dem iPad. Das Game heisst «Home Behind», ist ein Lernspiel und geht so:

Weil in meiner Heimat Krieg herrscht, bin ich auf der Flucht durch die Wüste. Ich muss zusehen, dass ich nicht verdurste, nicht verhungere, nicht umkomme. Während ich um mein Leben renne, sammle ich Wurzeln, Steine, wühle im Abfall, versuche zu schlafen. Mal treffe ich auf Wölfe, die ich töten muss. Mal komme ich in trostlose Dörfer, wo ich auf mittel­lose Bauern treffe. Die Wölfe geben immerhin Fleisch. Die Bauern vor allem ein schlechtes Gewissen.

Denn egal ob Mann oder Frau, bei allen muss ich eine Option wählen: betteln, verhandeln, ausrauben. Letzteres endet immer mit einem Mord. Am Anfang habe ich vor allem gebettelt. Aber nicht jeder gibt etwas. Also fing ich zu rauben an, weil ich hungerte. Erst griff ich nur Männer an, inzwischen morde ich wahllos.

Ich töte für gekochten Reis, für etwas Holz, für ein paar ­Insekten, manchmal nur für einen Fetzen warmen Stoffs. Ich trinke Wasser aus Toiletten, esse zur Not verdorbenen Müll, stehle Vorräte, weil ich über­leben will. Ich kämpfe mit Räubern, Schakalen und ja, auch mit Flüchtlingen. Das Game lässt mir keine andere Wahl.

Als ich zum ersten Mal spielte, überlebte ich trotz Betteln und Totschlag gerade mal zwölf Tage. Entweder starb ich an Hunger, oder ich verdurstete. Einmal habe ich mich sogar selber mit verdorbenem Essen vergiftet.

Doch ich lerne dazu, werde schlauer, stärker, schneller, brutaler.

Wölfe sind bloss noch ein Kinderspiel. Ich komme immer weiter vorwärts, bis in zerbombte Städte. Die vielen Rebellen, die mir hier an die Gurgel wollen, kann ich fast immer erledigen. Aber je näher ich Europa komme, desto abweisender werden die Menschen. Betteln nützt nichts mehr.

Bei der letzten Game-Session habe ich mich bis zum Schild «Refugees welcome» geschleppt. Ich war stolz. Nach 28 Tagen erschöpfender Flucht wähnte ich mich bald am Ziel.

Doch dann wurde ich, völlig unerwartet, von einer Europäerin erschlagen. Sie mochte keine Flüchtlinge. Wie es am Ziel aussieht, weiss ich bis ­heute nicht. Viele fragen sich jetzt wohl: Ist das nicht zynisch, Flüchtling zu spielen? Ich frage: Ist es denn zynisch, Bücher über Flüchtlingsschicksale zu lesen? Auch in Lern-Games fühlt und leidet man mit dem Flüchtenden mit. Vielleicht sogar etwas mehr, weil man sein Schicksal selber bestimmt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.11.2017, 08:56 Uhr

Lucie Machac lotet Grenzen aus. (Bild: zvg)

«Echtjetzt?»

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es samstags in den «Echtjetzt?»-Kolumnen von Lucie Machac, Peter Meier, Stefan von Bergen, Gregor Poletti und Andreas Saurer.

Artikel zum Thema

Es ist nie zu spät

Gregor Poletti, ein Urner, leicht ergraut, sieht rot. Mehr...

Kompletter Irrsinn!

Echt jetzt? BZ-Redaktor Peter Meier klopft ­Bundesbern auf die Finger und eruiert den aberwitzigsten Politsatz der Woche. Gewinner ist: Guy Parmelin. Mehr...

Ich Tarzan, du Jane

Lucie Machac lotet Grenzen aus. Mehr...

Dossiers

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Kommentare

Blogs

Echt jetzt? Bündner Brücke der Rekorde

Bern & so Spass mit Autos

Die Welt in Bildern

Von einem anderen Stern: Star-Wars-Fans heben gemeinsam ihre Lichtschwerter bei einem Treffen in Los Angeles. (16. Dezember 2017)
(Bild: Chris Pizzello) Mehr...