«Mach ein paar Kinder.»

Martin Burkhalter über Nachwuchs und das Glücklichsein.

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Ich hockte am Tresen vor einem Bier und dachte nach. Ein Mann im mittleren Alter sass daneben und, weil ich wohl ein wenig niedergeschlagen aussah, sprach er mich an. Wir unterhielten uns. Er, seit 20 und mehr Jahren verheiratet, eine Horde Kinder, wirkte auf mich wie ein glücklicher Mensch. Ich, 33, ledig, kinderlos. Kein glücklicher Mensch, dachte er. Wieso ich das weiss? Weil er mir, zwischen zwei Schnäpsen, eine Frage stellte und danach einen Ratschlag erteilte. Den besten von allen!

Er fragte: Was willst? Gemeint war nicht das nächste Getränk, sondern, jawohl, vom Leben! Ich blieb vage. «Tu was», sagte er. «Du weisst noch gar nichts. Mach ein paar Kinder. Gründe eine Familie. Werde erwachsen!»

«Werde erwachsen!» Diese Aufforderung hallt nach. Seither beschäftigt mich das. Bin ich unglücklich? Fehlt mir etwas? Eine Familie. Kinder. Muss ich? Muss man?

Letzte Woche fuhr ich mit dem Zug von Langnau nach Bern. Es war einer jener Tage, an denen wieder alle ihre Füsse zeigen und die Haut auf den Sitzen kleben bleibt. 30 Grad im Mai.

Der Zug hielt in Konolfingen. Die Türen gingen auf. Zuerst sah ich nur einen riesigen schwarzen Koffer. Dahinter tauchte ein Mann mit nass geschwitztem grünen T-Shirt, lichtem Haar und Bauchansatz auf. An beiden Schultern hingen prall gefüllte Taschen, hinterher zog er einen weiteren, riesigen schwarzen Koffer. Ihm folgten zwei Jungs, im Alter zwischen 4 und 6. Sie setzten sich hin, schlürften laut ihre Capri-Sonnen und sahen sehr gelangweilt aus.

Dann kam die Mutter hinterher, kleiner, bunter Koffer ziehend, drei Taschen umgehängt. Striemen an den nackten Schultern. Der Mann drängte sich vorbei, ging wieder raus und kam danach nochmals mit einem kleinen bunten Koffer und einer Stofftasche umgehängt zurück ins Abteil. Er verstaute alles fachmännisch, liess sich seufzend in die Sitze fallen, überschlug die behaarten, halb nackten Beine, und ich sah, dass sein linkes Auge hinter der Sonnenbrille nervös zuckte. Er sah nicht glücklich aus.

«Erwachsen werden?», dachte ich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.06.2017, 14:28 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Fabian Sommer, Nina Kobelt, Maria Künzli und Martin Burkhalter führen an dieser Stelle unter dem Titel «Bern & so» die Kolumne «Greater Berne» weiter. Sie teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch.

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