Gurke im Gin

Was passiert, wenn man der Stadt den Rücken kehrt.

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Wer wie ich von der Stadt in die Agglo zieht, der erntet von Stadtmenschen vor allem eines: Fassungslosigkeit. Wie kann der nur dem hippen Grossstadttreiben den Rücken kehren und in diese hinterwäldlerische Pampa entschwinden, fragen sie sich. Die Entgeisterung in den Gesichtern wäre nicht schlimmer, hätte ich verkündet: Ich schlage Kinder. Oder: Ich trage gerne Pelz aus Babyrobbenfell. Oder gar: Ich findeLo & Leduc langweilig.

Dabei ist die neue Residenz doch nur läppische 12 ÖV-Minuten von den Toren Berns entfernt. Für die hosts of the ­capital city ist das egal, denn wer in dieser entlegenen Zone lebt, der muss kleinbürgerlich, rückständig und verknorzt sein. So einer hat Geranien auf dem Balkon, Landjäger im Kühlschrank und eine Armeewaffe unter dem Bett.

Wie ein komplett anderer Mensch werde ich plötzlich wahrgenommen. Wie eine Spassbremse, die während des ausgedehnten Feierabendbiers in der städtischen Szenekneipe plötzlich sagt: «Ich muss noch meinen Zug erwischen.» Mitleidig wird mir nachgeschaut, als würde ich gerade den Marsch nach Stalingrad unter die Füsse nehmen.

Vom grossstädtischen Partylöwen zur ruralen Schlaftablette in wenigen Wochen. Da bringen auch Einwände nichts wie: «Aber wir haben bei uns im Fall auch ein cooles Pub.» Von Städtern werden solche Aufklärungsversuche mit einem niedlich-mitfühlenden Blick erwidert, den Mütter ihren Kleinkindern schenken, wenn diese aus Brotrinde ein undefinier­bares Gebilde geknetet haben und sagen: «Schau, eine Giraffe». – «Ah, toll!», heisst es dann vom Metropoliten-Bewohner – im Subtext fliesst jedoch etwas ganz anderes mit: Oooch, der Arme hat doch tatsächlich das Gefühl, sein reaktionäres Hillbillypub sei ein Epizentrum ­feierabendlicher Bespassung.

Okay, vielleicht ist es halt wirklich einfach ein Dorfpub, wo sich die Leute primär in heitere Sphären emportrinken wollen. Ohne Acid-Jazz-Backgroundsound. Ohne Folien­tango. Und ohne Gurken im Gin ­Tonic. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.03.2018, 12:27 Uhr

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Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Maria Künzli, Nina Kobelt, Martin Burkhalter und Fabian Sommer teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch

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