Gruntz

Michael Bucher über James-Gruntz-Overkill, den Einheitsbrei der Lokalradios und den Gute-Laune-Zwang der Moderatoren.

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Sie kennen das sicher: Sie fahren gut gelaunt mit Ihrem «Chlapf» übers Land Richtung Stadt, dann passiert es: Am Radio erklingt ein James-Gruntz-Song. Die Stimmung stürzt umgehend ins ­Bodenlose. Die Schläfe beginnt zu pochen. Eine Migräne kündigt sich an. Ich habe mir ja ­geschworen, sollte ich noch ein einziges Mal einen James-Gruntz-Song am Radio hören, reisse ich das Autoradio raus, schmeisse es aus dem Fenster und schicke die Rechnung an SRF.

Wegen des Gruntz-Overkill bei unserer staatstragenden Rundfunkanstalt hätte ich ­beinahe die No-Billag-Initiative angenommen.Wobei: Verglichen mit den kommerziellen Grossstadt­radios ist SRF punkto Musikauswahl geradezu eine Quelle der Mannigfaltigkeit. Es ist zwar lange her, aber ich wurde mal während eines Ferienjobs von einem hippen Privatsender dauerbeschallt. Nach drei Tagen kannte ich alle fünf Songs auswendig.

Der musikalische Einheitsbrei der Privatradios ist das eine, die überdrehten Moderatorinnen und Moderatoren mit ihrer aufgesetzten Fröhlichkeit das andere. Schon frühmorgens trällert mir eine junge Dame die Sonne vom Himmel, als hätte ihr jemand MDMA ins Morgenmüesli gemischt.

Wer je ­behauptet hat, gute Laune sei ansteckend, sass nie morgens mit dem «Göppel» im Agglostau und hörte das Morgenprogramm am Radio. Aber das kann der vor Euphorie überschäumenden Moderatorin egal sein, die fährt ja wohl mit ihrem Fixie-Bike von der Stadt-WG ins Büro.

Einen positiven Überraschungsmoment möchte ich aber nicht verschweigen: Ich steckte gerade im Stau auf der Wankdorfkreuzung, da erklang das Intro von «November Rain». Meine Stimmung hellte sich postwendend auf. Eine wohlige innere Wärme breitete sich aus. Tränen der Freude schossen mir in die Augen.

Doch kurz vor dem epischen Gitarrensolo von Slash – für das manch ein Songwriter sein Grosi verkaufen würde, hätte er es komponiert – klemmte der Moderator den Song ab und leitete über zu... na ja, Sie wissen schon, wem. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.04.2018, 16:14 Uhr

Bern & so

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter, Maria Künzli, Mirjam Messerli und Fabian Sommer teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch

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