Durst

Achtmal hüpfte der Adamsapfel.

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Vor kurzem sagte mir eine gute Freundin bei Bier, Wein und ausgelassener Frühlingsstimmung dies: «Glück ist ankommen.» Ankommen im Sinne von etwas erreichen, eine Prüfung schaffen, ein Studium abschliessen. Eine Liebe finden. Das Problem dabei sei: «Ankommen ist immer vorübergehend und einzigartig.»

Daran musste ich denken, als ich letztens in einem Fumoir sass. Oben in der Ecke hing ein Fernseher. Irgendein Velorennen wurde gezeigt. Radio Swiss Pop spielte Queen. Ein Mann liess sich schwer und mit einem Seufzer am Nebentisch in den Stuhl fallen. Er trug eine Jeansjacke, ein oranges T-Shirt und feste, schwarze Schuhe. Die grauen Haare hatte er zu einem Rossschwanz gebunden. Der Bart war getrimmt, die Nase gross und rot geädert. Dasselbe Rot schimmerte auf seinen Wangen. Er legte eine Packung Marlboro auf den Tisch und ein Zippo-Feuerzeug ohne Gravur. Daneben den «Blick».

Nachdem ihm der Kellner das schäumende Bier hingestellt hatte, umgriff er es mit seinen tellergrossen Händen. Die Linke oben, die Rechte unten. Er drehte die Stange zuerst mit der linken Hand nach rechts, dann mit der rechten links herum. Ein bisschen Schaum floss über die knorrigen Finger. Er hielt den Blick gesenkt und drehte das Glas – unendlich lang. Dann schaute er auf und sah zu mir herüber. Ich war mir nicht sicher, ob er mich anschaute oder nur in eine Ferne hinter mir blickte. In den trüben Augen flackerte Verunsicherung.

Dann wandte er sich wieder seinem Glas zu, und erst jetzt führte er es mit beiden Händen zum Mund und setzte an. Achtmal hüpfte der Adamsapfel. Er stellte das Glas hin. Klaubte eine Zigarette aus der Packung. Das metallische Geräusch des Feuerzeugs ertönte. Er schaute nochmals zu mir herüber. Der Blick war jetzt fest.

Als der Kellner vorbeikam, hob der Mann kurz die rechte Hand und seine Augenbrauen. Dann setzte er noch einmal an und das Glas war leer. Erst dann griff er zu der Zeitung. Die Bahnhofsuhr, die vom Fumoir aus zu erkennen war, zeigte zehn Uhr – morgens.

Ich dachte: Ankommen, immer wieder ankommen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.04.2018, 19:29 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter, Maria Künzli, Mirjam Messerli und Fabian Sommer teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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