Das grüne Grauen

Maria Künzli über ihren inneren Kampf beim Zahnarzt mit einer Heuschrecke an der Wand.

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Neulich beim Zahnarzt: Da liege ich in unnatürlicher Rückenlage, den Mund aufgerissen, während die Dentalhygienikerin (DH) ihr Tagwerk verrichtet. Ich versuche mich vom fiesen Geräusch und dem Blumenparfüm abzulenken und suche einen Punkt an der weissen Decke, den ich fixieren kann. Da sehe ich sie plötzlich. Eine riesige Heuschrecke, die an der Decke verharrt und darauf wartet, jemanden anzuspringen.

Ja, ich habe Angst vor Heuschrecken. Leute mit Spinnenphobie sind mir ein Rätsel. Das sind doch putzige Tierchen, verglichen mit diesen giftgrünen Hüpfdohlen, die einem aus dem Nichts ins Gesicht springen können. Die Katastrophen biblischen Ausmasses verursachen. Spinnen aber hängen nur in ihrem Netz und warten, bis das Essen zu ihnen kommt. Und: Spinne klingt schön und rund und nett. Heuschrecke klingt . . . oh, Schreck: Wo ist es hin, das Viech? Kitzelt mich da was am Bein? Ich hätte Strumpfhosen anziehen sollen!

Ich sehs kommen: Der Heuschreck wird der Zahnfrau auf den Kopf hüpfen, diese erschrickt, macht eine ruckartige Bewegung, und schon guckt mir das Zahnwerkzeug von innen zum Ohr raus. Oder durchbohrt den Hypothalamus. Die DH wird wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, und niemand wird je erfahren, dass eine Heuschrecke an allem schuld ist.

Ich versuche der DH ein Zeichen zugeben. Sie räuspert sich. «Den Mund wieder etwas weiter aufmachen, bitte.» – «Den Mund aufmachen?! Da ist ein Monster an der Decke!! Gleich greift es an!!», will ich rufen, raus kommt nur: «Ahhhhh.» Ich schwitze. Mögen Heuschrecken Schweiss? Ich muss mich beruhigen, denke an England. An saftige, grüne Wiesen . . . Nein!! Bloss nichts Grünes. Hüpfen Heuschrecken in offene Münder? In diesem Moment zieht die Zahnfachfrau ihre Gerätschaft aus mir raus. Schlagartig schliesse ich den Mund.

Zum Schluss legt sie ihre Hand auf meine verkrampfte Schulter und begleitet mich zurück zum Empfang. Dort drückt sie mir gönnerhaft ein Heftli in die Hand. «Zahnarztphobie muss nicht sein», steht drauf, «was Sie dagegen tun können.»

Wenn die wüsste, dass sie um ein Haar im Knast gelandet ­wäre. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.09.2017, 13:04 Uhr

Maria Künzli, Redaktorin. (Bild: zvg)

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