Ach, wie schön

Vier ältere Menschen bei Kaffee, Gipfeli und Zigarette haben Martin Burkhalter zuerst etwas nostalgisch und dann auch etwas traurig gestimmt.

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Die Viererrunde sah so schön nach zwanzigstem Jahrhundert aus. Ich sass am Nebentisch und wurde fast ein bisschen nostalgisch und dann gegen Ende sogar etwas traurig. Es passierte in der Herrlichkeit eines Samstagmittags auf einer Terrasse. Die Emme war nicht weit, die Ilfis auch nicht.

Auf dem Tischchen zwischen ihnen standen: eine gläserne Tasse mit Schwarztee, eine kleine Badewanne mit Milchkaffee und ­darin schwimmenden Gipfeli-Brösmeli. Ein Glas Rotwein. Ein Bier. Daneben Mary-Long-, Brunette-Doppelfilter- und Select-Zigaretten-Schachteln. Im Aschenbecher lagen weisse zusammengestauchte Filter mit Lippenstiftabdrücken.

Drei ältere Damen mit kurzen, gefärbten Haaren, rostrot, marronibraun und grau mit violettem Stich, sassen in Gedanken versunken da. Der einzige Mann in der Runde hatte keine Haare mehr. Trug aber einen Schnauz, braune Manchesterhosen, ein weisses Hemd und ein braunes Sakko. «Ach, wie schön», sagte er und schaute in die stumme Runde.

Die drei Damen blieben ungerührt. Räuspern. Schleimiges Husten. Das Geräusch von klimpernden goldenen Reifen an dünnen Handgelenken war zu hören. Er versuchte es noch mal: «Ach, wie schön.» – «Was ist schön?», fragte jene Frau mit dem Rotwein und den Mary-Long-Zigaretten. «Ich habe meinem Sohn heute Morgen eine Whatsapp-Nachricht geschickt und ihm ein schönes Wochenende gewünscht», sagte er.

«Du hast was?», fragte die Teetrinkerin mit den Select-Zigaretten und dem Lippenstift. «Ich habe meinem Sohn heute Morgen um 8 Uhr eine SMS ­geschickt, um ihm ein schönes Wochen­ende zu wünschen», sagte er in einer Lautstärke, die man immer wieder auch in Altersheimen vernimmt. «Jetzt hat er zurückgeschrieben.»

Der Mann setzte seine Brille auf, die an einem Lederbändchen um den Hals hing, und las vor: «Danke. Dir auch einen schönen Tag.» Stille. Dann wohlwollendes Nicken in der Runde. Er sagte: «Das ist doch schön, wenn der Sohn noch an einen denkt. Ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich.» Nein, sei es nicht, sagten die Damen. Dann Husten. Seufzen. Das Klimpern von goldenen Armreifen an dünnen Handgelenken. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.11.2017, 10:38 Uhr

Martin Burkhalter.

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Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! ­Nina Kobelt, Maria Künzli, Martin Burkhalter und Fabian Sommer teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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