Wenn Jesus eine Frau wäre

Lucie Machac lotet Grenzen aus.

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Stellen wir uns heute vor, der Heilige Geist wäre bei Jesus’ Zeugung etwas verwegener gewesen – und Maria hätte ein Mädchen geboren. Nennen wir es Jesalia.

Jesalia erblickt also das Licht der Welt im Stall. «Ein Mädchen? Ist das jetzt ein Witz?» Josef und Maria sind konsterniert, die Drei Könige genervt. So eine Blamage! Die jungen ­Eltern, mit der Situation überfordert, lassen Jesalia im Stall zurück. Vielleicht klappts mit Jesus ja beim nächsten Mal.

Damit wäre Jesalias glorreiche Geschichte schon bei der Geburt zu Ende gewesen.

Nehmen wir an, die Eltern hätten Jesalia nicht ihrem Schicksal überlassen. Sie wächst zu einem Teenager mit kühnen Karriereplänen heran: Sie will Wanderpredigerin ­werden. «Jesses Maria!», klagt Josef bei seiner Frau. Was tun? Zu Hause einsperren, heisst es im Dorf. Die Eltern entscheiden sich für die christlichere Variante: Sie arrangieren eine Ehe. Die Tochter Gottes wird Hausfrau und Mutter. Nachts träumt sie manchmal, sie laufe übers Wasser.

Die Lancierung des Christentums? Fehlanzeige.

Nehmen wir an, Jesalia hätte sich damals von den Eltern emanzipiert und wäre tatsächlich Wanderpredigerin geworden. Mit den ersten Wundern erreicht sie sogar einen gewissen VIP-Status. Doch als sich ihr immer mehr Frauen anschliessen, beginnt Jesalias Niedergang. Männer verstehen die Welt nicht mehr. «So ein Blödsinn, dieses feministische Christentum.»

Als Jesalia dann auch noch mir nichts, dir nichts übers ­Wasser läuft, ist das zu viel des Wunders. «Auf den Scheiterhaufen mit ihr!»

Die Lancierung des Christentums? Nach wie vor chancenlos. Jesalia geht als Hexe in die Annalen ein.

Nehmen wir an, die Tochter Gottes hätte alle Gender-Hürden überwunden und – anstelle von Jesus – das Christentum begründet. Hätten wir heute weibliche und männliche Priester? Gäbe es Jesus-Latschen mit Absätzen? Würden Frauen mehr verdienen als Männer? Oder, ich wage es kaum zu denken: Hätten wir gar ein Matriarchat?

Schade, war der Heilige Geist bei der Zeugung nicht etwas ­experimentierfreudiger drauf. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.12.2017, 09:07 Uhr

Lucie Machac.

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es in den «Echt jetzt?»-Kolumnen von Peter Meier, Stefan von Bergen, Gregor Poletti, Andreas Saurer und Lucie Machac.

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