Schritt für Schluck

Nina Kobelt über die gravierende Fremdbestimmung durch Schrittzähler-Apps.

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Wie viele Schritte seid ihr heute gegangen?, fragt Frau S. Ich schaue an die Decke, Fräulein P. bestellt noch mal drei Gin Tonic. Null?, sage ich.

Frau S., muss man wissen, zählt neuerdings jede Bewegung per Schrittzähler auf ihrem Handy, die App heisst Health. Ihr iPhone ist deshalb immer auf Frau, auch, wenn sie zur Toilette (es ist zweimal hineinge­fallen) oder auf dunkle Hinterhöfe hinaus heimlich rauchen geht.

Health! denke ich und auch, dass Frau S. überhaupt eine seltsame Phase durchmacht, sie trägt, seit es wieder geschneit hat, konsequent ihre selbst gestrickte pinke Mütze, die ein wenig an Leducs Frisur erinnert, obwohl jenes Gestrüpp ja nicht diesen Namen verdient und es eine ganz andere Farbe hat.

Das Fräulein P. hingegen fährt seit Monaten sorglos mit Sommerpneus ins Oberland, also nach Thun, zu ihrer neusten Flamme, und braucht eh keine Kappe, um eisige Stimmung zu verbreiten.

Wenn du dein Leben von einem Computer fremdbestimmen lassen willst, sagt sie jetzt zu Frau S., bitte. Letztere hat der App zuliebe auch ihre Yoga-, Pilates- und Faszienorgasmenaktivitäten komplett geändert, sie geht jetzt nicht mehr 200 Schritte zum Studio, sondern besucht eines in Köniz mehrere Kilometer von ihrem Wohnzimmer entfernt. Sie joggt hin – in Laufschuhen mit Sommerpneus, sozusagen.

Ich zähle keine Schritte, sagt Fräulein P. jetzt. Sondern Schlucke. Dafür gibt es sicher auch irgendeine App. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.04.2017, 14:52 Uhr

BZ-Redaktorin Nina Kobelt.

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