O Schreck, ein Kompliment!

Lucie Machac lotet Grenzen aus.

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Kürzlich sagte mir einer in der Badi, ich hätte schöne Ohren. Echt jetzt. Erst war ich sprachlos. Veräppelt er mich? Easy, sagte ich mir und bedankte mich ­extrafreundlich. Doch irgendwann dämmerte es mir. Der Mann hat mir eigentlich gesagt, dass mein Körper nicht mehr tageslichttauglich ist. Madame, das Beste an Ihrem Bikinibody sind die Ohren!

Ich klagte daraufhin im Freundeskreis. Und auf einmal taten sich Abgründe auf. Komplimente sind nicht Glückssache, wie ich dachte, sondern ein Minenfeld. Explosionsgefahr droht bereits, wenn ein Arbeitskollege einer Arbeitskollegin sagt: Schöne Schuhe! Die Ar­beitskollegin, meine Freundin, denkt nicht etwa: Endlich merkt es einer. Nein, es verunsichert sie. Meint er jetzt wirklich die Schuhe, oder starrt er ihr schon die ganze Zeit auf die Beine? Sagt sie ihm erfreut «Danke», oder soll sie «den Vorfall» der Gleichstellungsbeauftragten melden?

Ein Freund in der Runde verdreht die Augen. Einer Kollegin direkt zu sagen, «Heute siehst du gut aus», gelte als Übergriff, also weiche Mann auf die Schuhe aus. Was die Sache allerdings nicht besser macht. Denn als Mann stehe er unter Generalverdacht, dass in seinen emanzipierten Genen doch noch ­irgendwo ein sexistisches Schwein schlummert. Umgekehrt ist er mit Komplimenten von Frauen aber genauso überfordert. Will die verheiratete Kollegin etwas von ihm, weil sie ihm schon viermal ein explizites Kompliment gemacht hat?

Jesses, sind wir kompliziert! Doch das Alter hilft. Seit ich vierzig geworden bin, und das ist inzwischen vier Jahre her, gehe ich mit Komplimenten entspannter um. Wenn ein Mann heute meine Schuhe rühmt, aber eigentlich meine Beine meint, bin ich happy. Hurraaa – ich habe noch tolle Beine. Wenn ein Kollege meint, dass meine Komplimente eine Anmache sind, klopfe ich ihm beim Feierabendbier jovial auf die Schulter und erkundige mich besorgt nach dem Wohlergehen seiner Familie.

Und wenn ich jetzt über den Mann in der Badi nachdenke, bin ich überzeugt, die Ohren waren ein Ausweichmanöver. Eigentlich wollte er mir sagen: Madame, Sie haben ein so schönes Gesicht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.07.2017, 08:34 Uhr

Lucie Machac.

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es in den «Echt jetzt?»-Kolumnen von Peter Meier, Stefan von Bergen, Gregor Poletti, Andreas Saurer und Lucie Machac.

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