Kuh für einen Augenblick

Wenn die Flucht vor städtischen Baustellen zu tiefsinnigen Gesprächen führt. Oder so.

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Sagt mal, habe ich Augen wie eine Kuh? Frau S. starrt uns an. Fräulein P. und ich stieren zurück. Dann stapeln wir weiter Holz. Wir sind aufs Land geflüchtet, für eine Woche oder zwei, weil dort, wo wir leben, in der Stadt, wird gebaut.

Nicht Schiterbiigi, wie wir das gerade tun, sondern Kreisel und Strassen und vielleicht auch neue Häuser, wer weiss das schon so genau, auch die Bauarbeiter schauen sich manchmal um wie gelangweiltes Vieh auf der Weide und scheinen vergessen zu haben, warum sie graben und schaufeln.

Frau S., das «Meitschi vom Wyssebüehl», wie sie sich gern selber nennt, kann deshalb nicht mehr direkt aus dem Tram (das nicht mehr fährt) zu ihrem Haus spazieren (das umstellt ist von Gerüsten, Geräten, Bauschutt).

Fräulein P. und ich, die wir Frau S. oft besuchen, wir fanden das ganz interessant. Poetisch gar, wenn die Arbeiten ruhten, standen wir im Dunkeln herum und guckten auf die ruhenden, beleuchteten Bagger. Item.

Jetzt stehen wir auf gefrorenem Boden, stapeln Feuerholz für unsere Bekannten, die den städtischen Baustellen schon lange den Rücken gekehrt haben, trinken in den Pausen Landi-Bier und hören das neuste Gölä-Lied «D’Stärne».

Frau S. sagt: Bundesrat Maurer hat früher seinen Freundinnen zugesäuselt «Du hast Augen wie eine Kuh», das erzählte er an der Olma-Eröffnung. Das ist doch kein Kompliment!

Fräulein P. sagt: Früher hatte auch Gölä noch wirklich was zu sagen. Jetzt jammert er nur noch. Früher, sage ich, hat Polo Hofer Bob-Dylan-Texte umgeschrieben. «Karminrot hei mini Ohre brönnt» zum Beispiel. Genial. «Säg, was wüsse mir de scho», singt Gölä.

Aber äussert ihr euch doch endlich, drängt Frau S., meine Augen, sehen sie irgendwie kuhmässig aus? Ja, denke ich. Und Fräulein P. sagt: Keine Ahnung, aber ich weiss etwas anderes: Wenn du nicht endlich aufhörst zu labern und auch mal ein Scheit auf den Stapel legst, dann sehen meine Augen aus wie die eines wilden Stiers. Und das wäre dann auch kein Kompliment. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.10.2016, 17:21 Uhr

Nina Kobelt schreibt die Kolumne «Greater Berne» abwechselnd mit den Redaktoren Maria Künzli, Fabian Sommer und Peter Meier.

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