Entweder oder

In or out?, fragt Frau S. und hält ihre Haarbürste über ihren Rucksack. Out, schreien das Fräulein und ich.

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Wir sind in Schottland am Wandern. Das war die Idee von Frau S. – so regenerprobt wie dieses Jahr werden wir im Leben nie mehr sein, hatte sie gemeint. Es war eine gute Idee – die Wetterlage ist gut, die Stimmung heiss, aber nur im übertragenen Sinne.

Dass uns jeder Schotte, dem wir begegneten, und das waren einige, fragte: «In or out?», fanden wir erst seltsam, dann spannend, dann nervig und schliesslich nur logisch. Man kann sein ganzes Leben auf diese Frage reduzieren. In or out?

Anfangs äusserten wir uns differenziert. Alle wollten unsere Meinung hören – wir sind schliesslich Schweizer. Jedenfalls bis zum Abend im Pub, als Fräulein P. die Frisur von Mister Cameron mit jener von Herrn Trump verglich, lautstark, und während neunzig Minuten «Go England» schrie, das mögen die Schotten nicht. Und Frau S. währenddessen, stark alkoholisiert, lallte: Out! Fuck the EU! Out, hat der Barman dann entschieden und warf uns raus.

Anyway. Jetzt wollen die Briten nicht mehr, mit dem Pfund geht es den Bach runter, und Cameron ist, mit oder ohne Frisur, auch out.

Wir sitzen im Aufenthaltsraum unserer Lodge, das Torffeuer brennt, der letzte, strengste Wandertag ist vor uns. In or out?, ruft Frau S., sie hält jetzt ein Pack Short­bread in der Hand.

In, of course, sage ich, und frage: Können wir jetzt endlich gehen?

Ja, bin fertig, let’s go out, sagt Frau S., und wir machen die Tür auf. Es regnet. Es giesst, als ob sämtliche Schleusen in Europa geöffnet worden wären.

Wir sind unabhängig, sagt das Fräulein, nicht wahr? In! Und wir kehren um. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.06.2016, 13:37 Uhr

Nina Kobelt

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