Chli ga pumpe

Oder wenn der Traum von der Badifigur ein Traum bleibt.

Michael Bucher@MichuBucher

Es ist jedes Jahr das gleiche zermürbende Spiel: Es wird wärmer, die Leute drehen durch und rennen ins Fitnessstudio, sie scheitern, und im Sommer verstecken sie sich in der Badi hinter einem Knausgård-Roman, statt ihren Körper zur Schau zu stellen. Auch ich mache diesen demoralisierenden Parcours aufs Neue mit – Startpunkt ist eine städtische Billigfitnesskette.

In der Umkleidekabine unterhalten sich zwei Schränke von Männern. «Chli ga pumpe» wollen die beiden. Es scheint ihr wichtigster Lebensinhalt zu sein. Unter den Ertüchtigungsfetischisten tummeln sich auffallend viele junge Burschen. Wie fehlgeleitet die Jugend doch geworden ist. Können die nicht wie normale Teenager Töffli frisieren, kiffen und Baustellenmaterial klauen? Mir sind Leute suspekt, welche die Phase der juvenilen Rebellion dermassen konsequent unterdrücken. Die werden früher oder später wie Michael Douglas im Film «Falling down» in einer Fast-Food-Filiale eine Uzi zücken und ein bisschen in die Decke ballern, weil es kein Frühstück mehr gibt.

Weil ich befürchte, mir am Power-Tower das Genick zu brechen, gehe ich daran vorbei und versuche mein Glück auf dem Laufband – dem idiotensicheren Einsteigervehikel. Ich gebe mir zur Motivationssteigerung etwas Black Sabbath auf die Ohren, doch die vorwärtspeitschenden Gitarrenklänge passen nicht so recht ins Bild der etwas korpulenten Frau vor mir, die sich auf einem Velo in die Nähe eines Nahtoderlebnisses strampelt. Welchem Schönheitsideal auch immer sie da in so ungesunder Art und Weise entgegenhechelt, ich bin mir sicher: Es lohnt sich nicht, dorthin zu gelangen. Das signalisiert mir jedenfalls ihre Gesichtsfarbe.

Neben ihr ächzt ein etwas älterer IV-Rentner an der Ruderstation, um seinen Bandscheibenvorfall zu therapieren. Das ist zwar anstrengend, hilft dafür nix. Nach 20 Minuten an Ort und Stelle Treten geht mir das anonyme Fatburnen, Bodypumpen und Booty-Tighten bereits dermassen auf den Senkel, dass ich die Muckibude verlasse. Ich werde mir für den Sommer einen Knausgård besorgen müssen.

Berner Zeitung

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