Bündner Brücke der Rekorde

Andreas Saurer blickt über den Hag.

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In Graubünden gibt es viele berühmte Brücken. Der Landwasserviadukt der Rhätischen Bahn gehört seit 2008 zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Salginatobelbrücke hat das zwar noch nicht geschafft, doch der Bundesrat hat sie in seine «Liste indicative» fürs Unesco-Welterbe aufgenommen, eine Art Vorstufe für eine spätere Kandidatur.

Im Expertenbericht steht: «Sie ist ein architektonisches Meisterwerk des 20. Jahrhunderts und ein historischer Meilenstein der Ingenieurbaukunst im Bereich des Stahlbetons.»

Architektur-Aficionados ist die Brücke ein Begriff. Um das Bauwerk zu sehen, reisen sie nach Schiers im Prättigau, biegen ins enge Schraubachtal ein und nehmen Kurs Richtung Schuders. Irgendwann kommt die Brücke, die sich – 90 Meter über dem Bachbett – elegant und leicht übers enge und steile Salginatobel schwingt. Sie besteht aus einem 90 Meter langen offenen Dreigelenkbogen, der damals weltweit einzigartig war. Der Berner Bauingenieur Robert Maillart hat die 1930 gebaute Stahlbetonkonstruktion entworfen – wie kurz zuvor schon die Lorrainebrücke.

Doch die helle Brücke hat eine düstere Seite. An der Schule in Schiers, die früher Lehranstalt hiess, hatten wir einen kauzigen älteren deutschen Lateinlehrer. Er hörte nicht gut. Bei Prüfungen ging er im Raum auf und ab und schnarrte «Wer bläst?», wenn er vermutete, dass jemand seinem Sitznachbar die Lösungen zuflüsterte. Jeder wusste, dass seine Frau, die an der Schule selbst Englischlehrerin gewesen war, ein paar Jahre davor ihrem Leben mit dem Sprung von der Brücke ein Ende gesetzt hatte.

In Psychiatriefachkreisen gelten markante Brücken als «Selbstmordhotspots». Rein statistisch zählt man im abgelegenen Bündner Tal acht Suizide pro Jahrzehnt. Der Churer Schriftsteller Chris Hassler ist in Schiers aufgewachsen und bis heute eng mit dem Dorf verbunden. Der Anfang seines Gedichts «Was tun» lautet: «Als der Gabathuler Schorsch* von der/Salgina­brücke sprang der Schreiber/den Salginatobelsuizid Nummer 20/zu registrieren hatte ­irgendwann/reissen wir sie ab verfluchte/Brücke da hingen die Wolken nicht/tiefer als sonst an einem Regentag» (*Name vom Autor geändert).

Vielleicht geht es auch ohne abreissen, wie ein Blick durch den Nebel nach Bern zeigt. Dort sind die Kirchenfeld- und die Kornhausbrücke seit 2015 zur Suizidvorsorge mit Netzen ausgerüstet. Vielleicht fehlt der Maillart-Brücke in Graubünden also nicht das Unesco-Label, sondern ein Sicherheitsnetz. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.12.2017, 13:02 Uhr

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