Voller Einsatz

Wer mit der Bahn in der ersten Klasse reist, wird schnell merken: Hier wird mit harten Bandagen gekämpft.

Sandra Rutschi

Zehn Minuten vor der Abfahrt – und auf dem Perron im Sektor A drängten sich die Passagiere. Dabei hatte ich gehofft, mit einem Erstklass-Billett zur Stosszeit im Zug von Bern nach Zürich mehr Platz zu haben.

Wesentlich weniger zuversichtlich stellte ich mich in meinem roten Mantel zwischen die Herren im dunklen Anzug, ignorierte die Seitenblicke und versuchte, mich in die bestmögliche Position zu bringen.

Mit der Zugeinfahrt begann der Ellbogeneinsatz. In der ersten Klasse nimmt man den ernster als in der zweiten. An den Grundsatz «Ladies first» denkt niemand mehr. Links und rechts drängelten die Herren vor, einer stand mir auf den Fuss, ein anderer rammte mir seine Aktentasche in die Rippen.

Trotzdem schaffte ich es irgendwann, mich zur Tür hinein zu schieben. Ich schnappte mir gerade noch den letzten Platz in einem Viererabteil und atmete durch. Immerhin hatte ich einen Ruhewagen erwischt.

Doch nun folgte die nächste Herausforderung: Platz finden für meine Beine. Wohin ich auch blickte, war bereits ein Knie oder ein Fuss. Mein Sitznachbar sass da, als läge er auf einem Gynäkologenstuhl.

Mein Gegenüber hielt locker mit und trumpfte dazu mit noch längeren Beinen auf. Zuerst vorsichtig, dann hartnäckiger, versuchte ich, seinen Fuss zur Seite zu stupsen. Als er mich schliesslich viel zu charmant anlächelte, liess ich es sein. Ich zog die Füsse unter meinen Sitz und drückte die Knie zusammen, um nicht ständig an ein fremdes Männerknie zu stossen.

Auf der Höhe von Olten waren die Herren und meine Füsse eingeschlafen. Da fiel mir mein Nachbar ein, der mal sagte: «Wir Männer sitzen so breitbeinig da, um zu zeigen, was wir haben.»

In der ersten Klasse zählt also der volle Einsatz – nicht nur bei den Ellbogen. Kaum hatte ich das gedacht, schnellte einer meiner eingeschlafenen Füsse nach vorne und traf exakt das Schienbein meines Gegenübers. «Ups, Pardon», säuselte ich, als er aus seinen Träumen hochschreckte. Und schickte ein charmantes Lächeln ­hinterher.

Berner Zeitung

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