Täglich ein Fest

Panikkäufe sind nicht nur kurz vor Weihnachten zu beobachten. Im Tankstellenshop sind diese ein alltägliches Phänomen. Täglich um 21.50 Uhr ist es so weit.

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Waren Sie am 23. Dezember kurz vor Schliessung schon mal auf der Post? Immer wieder ein freudiges Ereignis! Dieses Jahr fand es schon am 22. statt, weil Heiligabend ein Sonntag ist. Jedenfalls bedauerte ich einmal mehr, kein Popcorn dabei zu haben (was es zu beobachten gibt? Verzweifelte Geschenkeinkäufe, Einwurf von Weihnachtskarten ohne Grusstext und wilde Versuche, das Schalterpersonal zu bestechen).

Sollten Sie also dieses Spektakel verpasst haben: Im Tankstellenshop gibt es solche Szenen das ganze Jahr über zu bewundern. Das Fest beginnt täglich um 21.50 Uhr. Jedenfalls ist das so bei mir im Weissenbühl. Ich sage nur: Panikkäufe en masse. Auch wenn kein Fest bevorsteht. Eher eine Nacht ohne Rubbellos. Oder billigem roten Fusel. Oder Brennholz.

Ich persönlich posaune ja gerne herum, dass ich aufs Blackout gefasst bin, ich könnte, erzähle ich jeweils, problemlos viele Tage ohne Strom überstehen: Im Keller horte ich gläserweise Tomatensauce für die vielen Teigwaren, die ich auf dem Gaskocher kochen würde.

Ich habe so viele Kerzen gegossen, dass ich die ganze Pläfä erhellen könnte. Ja, ich sinniere auch oft darüber, welche Möbel ich verbrennen würde und was auf dem Grill landen würde, vielleicht die Nachbarskatze, die so nervt (in der Not, Sie wissen schon).

Kurz: Ich brauche keinen Tankstellenshop. Trotzdem lümmelte ich oft dort herum, vor allem wegen der kleinen Bücherwand, die es dort gab. Sie war tröstend, und obwohl ich nie ein Buch kaufte, fühlte ich mich sicher, wenn ich die Cover der Krimis, der Chick-Lit und der Arztromane betrachtete: Eine Welt, in der man nachts Bücher kaufen kann, ist eine gute Welt.

Dann schloss der Shop. Es war ein Samstagabend, 21.43 Uhr, als ich das bemerkte. Ungläubig stand ich mit Fräulein P. vor der geschlossenen Glastür.

Fräulein P. fluchte. Zigaretten, schrie sie, ich brauche Zigaretten! Und M & Ms! Ich sagte nichts. Ich war schockiert. Nicht wegen der Butter, die ich hatte kaufen wollen (zum Backen. Ich hatte noch keine besorgt, weil ich wusste, dass es an der Tanke genug davon geben würde). Sondern weil da nichts mehr war, keine Lose, kein Wein, keine Bücher.

Fräulein P. zerrte mich dann ins Bahnhöfli, das sowohl Zigaretten, Wein und eine buttrige Rösti zu bieten hatte. Ich dachte über den Blackout nach.

Ein paar Tage später eröffnete der Tankstellenshop übrigens wieder unter einem neuen Pächter. Ich gehe nicht mehr hin – die Bücherwand ist verschwunden. Aber ich bin sicher, das tägliche Ladenschlussfest findet immer noch statt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.12.2017, 12:14 Uhr

Nina Kobelt, Redaktorin.

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! ­Nina Kobelt, Maria Künzli, Martin Burkhalter und Fabian Sommer führen an dieser Stelle unter dem Titel «Bern & so» die Kolumne «Greater Berne» weiter. Sie teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch.

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