Rosen, Mann

Vom ewigen Leid, wer denn nun die Initiative ergreifen soll.

Sandra Rutschi

Wir waren beim Gin, als meine Begleitung auf die Toilette musste. Ich betrachtete die Kunstwerke an den Wänden und liess mich vom Klangteppich der Gespräche einlullen.

«Und sonst – wie läufts?», kristallisierte sich eine Stimme heraus. Sie gehörte einer Frau am Nachbartisch, Anfang 40, schwarzes Haar, blaues Kleid. Sie drehte ein Glas Rotwein zwischen den perfekt manikürten Fingern und lächelte ihr Gegenüber vielsagend an. Dieses war in ihrem Alter, eine zierliche Blonde, roter Lippenstift, schwarzes Top.

Sie lachte und schüttelte den Kopf. «Ich benehme mich wie ein Teenager.»
«Sag bloss, du hast ihn immer noch nicht gefragt, ob ihr was trinken geht!»
«Es hat sich nicht ergeben.»
Die Schwarzhaarige starrte die Blonde an.
«Was?!», schnappte diese.
«Ich will nicht aufdringlich sein.»
«Er hat dir Rosen geschenkt.»
«Das war nur ein Dankeschön.»
«Rosen!»
«Keine roten.»
«Rosen, Mann!»
«Man darf das nicht überinterpretieren. Er ist charmant.»
«Versprich mir, dass du ihn morgen fragst.»
«Vergiss es! Ich kriege Herz­rasen, wenn ich dran denke.»
«Was ist denn schon dabei?»
«Ich will nicht immer die Initiative ergreifen müssen.»
«Männer ergreifen nie die Initiative.»
Die Blonde seufzte und leerte ihren Grappa. «Lass uns zahlen, ich leite morgen früh die Verwaltungsratssitzung.»
«Ich dachte, morgen führst du Mitarbeitergespräche.»
«Erst nachmittags. Vor der Präsentation.»

In diesem Moment kam meine Begleitung zurück und lächelte mir zu. «Wie läufts bei dir?»

Berner Zeitung

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