Odyssee

Wessen Kehle zu Wochenbeginn spätnachts noch nach Bier dürstet, der hats in der «Provinz» nicht einfach.

Sandra Rutschi

Sie hatten uns tatsächlich rausgeworfen – noch vor Mitternacht. Wir standen auf der Strasse, sechs Gestalten, ebenso angeheitert wie ver­loren. Es herrschte Stille.
«Provinz», maulte der Kollege im Karohemd.
«Wir sind in der Stadt», sagte die Kollegin mit dem Hut und stiefelte los. «Es gibt immer irgendwo ein Dead End.»
«Dead End?», fragte die Kollegin mit der Brille.
«So eine Spelunke, die bis morgens offen hat. Na? Du bist die Einzige, die sich hier auskennt», antwortete der Kollege mit dem Buddha-Lächeln.
«Dort vorne war ich mal in einer Bar!», rief die Kollegin mit dem Hut.
Das Lokal war schon geschlossen. Also zogen wir weiter.
«Ich sags ja: Provinz. Da läuft bei uns mehr», konstatierte der Kollege im Karohemd fünf Enttäuschungen später.
«Was willst du – es ist Montag», wehrte sich die Kollegin mit der Brille.
«Das ist typisch Schweiz», hob der Kollege mit den Lederschuhen an. «In New York...»
«Dort hinten hat noch was auf!», rief der Kollege mit dem Buddha-Lächeln.
«Das ist ein Puff», warf ich ein.
«Hmm…», meinte der Kollege im Karohemd.
«O Mann, Frauen! Jetzt wollen die Typen ins Puff!», ächzte die Kollegin mit dem Hut.
«He, ich will ja nur ein Bier!», betonte der Kollege im Karohemd.
Der Kollege mit den Lederschuhen grinste.
«Also los», kommandierte der Kollege mit dem Buddha-Lächeln, und die Herren eilten los. Wir Frauen wechselten einen Blick und folgten.
«Echt», fand die Kollegin mit dem Hut. «Ich hätte mehr erwartet von der Länggasse.»
«Falsche Stadt», erwiderte ich und hielt die Tür auf.
Sie kicherte. «Ah ja. Zürich. Langstrasse.»

Berner Zeitung

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