Man muss

Besteht das Leben wirklich nur aus Zwängen?

Sandra Rutschi

Neben dem Gehweg in der Berner Bronx lag Schnee, und mein Nachbar erschlug mich fast mit den Skiern, die er auf der Schulter trug. «Bei diesem Wetter muss man einfach auf die Piste», rief er mir zu, und seine Zähne blitzten mit dem Weiss am Wegrand um die Wette.

Ich blickte ihm nach, wie er sich in Richtung Parkplatz kämpfte. Eine unsichtbare Schlinge legte sich um meinen Hals. Was man nicht alles muss! Wenns schön ist, muss man raus, die Sonne und die Aussicht geniessen. Eine heisse Schoggi oder einen Jägertee trinken, ins Après-Ski gehen und im Fondue rühren. Man muss zusammen reden und über sich lachen können. Muss Ehrgeiz, eine Meinung und ein Ziel haben, auf dem Laufenden, tolerant, couragiert und achtsam sein. Man muss ein Häuschen und Kinder und Karriere wollen, muss mitreden und die Klappe halten können. Muss reisen und weniger fliegen, die grosse Liebe finden und sonntags den«Tatort» gucken. Und bei alldem flexibel und man selbst bleiben.

Mein Nachbar verschwand um die Ecke. Ich stellte mir vor, wie er nun all den neonfarbenen Krempel in seinen Wagen quetscht. Auf der Autobahn im Stau steht. Bei der Bergbahn einen Parkplatz sucht. Sein Zeug zur Kasse schleppt. Ein Vermögen ausgibt. Inmitten quengelnder Kinder, mürrischer Teenager, schwitzender Eltern und cooler Typen auf die nächste Gondel wartet. Mit Gummimattengeruch in der Nase und DJ Antoine im Ohr. Mindestens eine halbe Stunde lang und immer wieder.

Die Schlinge um meinen Hals lockerte sich. In diesem Moment war ich sehr froh, nicht «man» zu sein.

Berner Zeitung

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