Loch verlocht

Es ist vollbracht: Wir sind Tunnel! Der Hype um «Gottardo 2016» kennt hierzulande keine Grenzen. Es gab ja kein anderes Thema mehr. Seit Wochen.

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Loch hier, Loch da, Loch überall. Keiner kam daran vorbei. Der neue Gotthard-Basistunnel füllte Zeitungsseiten, Sendestunden, Small-Talk-Pausen. Na klar, es ist ja auch nicht irgendein dahergelaufenes Loch. Sondern die in Stein gehauene Mutter aller Löcher. Das längste, schönste, tollste der Welt, bitte schön. Zumindest bis der Brenner mal durchschlagen ist. Aber das kann noch ewig dauern.

Es darf drum ruhig richtig laut sein, das Hoch auf unseren Tiefbau. Wir schaffen in unserem kleinen Land, was Europa nicht auf die Reihe kriegt: Schaut her, so macht man das! Und wehe, ihr nennt uns noch mal Rosinen­picker – dann schütten wir das Ding gleich wieder zu!Das hätte die Politik schon längst gen Brüssel rufen sollen – und tüchtig winken mit dem Pfand in der Hand.

Denn seien wir ehrlich: Auch wenn wir jetzt den nationalen Zusammenhalt feiern – die Gotthardröhre haben wir nicht fürs Tessin gebohrt. Sondern für Europas freie Fahrt zum Mittelmeer. 12 Milliarden Franken, 17 Jahre Buddeln, 57 Kilometer Tunnel – da wird man als Dank doch wohl noch ne popelige Schutzklausel verlangen dürfen.

Aber nein, statt politisch Kapital aus dem Loch zu schlagen, lassen wir uns nach getaner Arbeit einfach abspeisen. Angela Merkel tätschelt uns mütterlich-gönnerhaft den Kopf, und François Hollande bauchpinselt uns. Das wars. Ich hab Felsklötze gestaunt, als ich Johann Schneider-Ammann tatsächlich sagen hörte: «Der Gotthardtunnel ist ein Jahrhundertwerk. Wir hoffen, dass das von unseren europäischen Nachbarn gewürdigt wird.»

Heilige Barbara! Ein Ex-Unternehmer, dem als Bundespräsident in dieser Situation einfällt, nur zu hoffen. Ich muss kein Tunnelbauer sein, um zu erkennen: Da wird gerade unser Megaloch einfach so verlocht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.06.2016, 16:37 Uhr

Greater Berne

Peter Meier schreibt die Kolumne «Greater Berne» abwechselnd mit den Redaktoren Maria Künzli, Fabian Sommer und Nina Kobelt.

Peter Meier schreibt die Kolumne «Greater Berne» abwechselnd mit den Redaktoren Maria Künzli, Fabian Sommer und Nina Kobelt. (Bild: Urs Baumann)

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