Touché

Neulich am Sonntagsverkauf in Berns Altstadt.

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Wir stehen am Zyt­glogge, frieren und warten auf den traditionellen Samichlaus­umzug. Während um uns herum kleine Kinder nervös umhertigern, ist bei uns alles entspannt, das Kind ist aufgeklärt. Letztes Jahr hat es das Samichlauskostüm im Schrank gefunden und Eins und Eins zusammengezählt: Der echte Samichlaus ist längst uralt, also mindestens 40, und lässt jetzt falsche Chläuse für sich arbeiten, während er im Seniorenheim sitzt und fernsieht.

Da geht die Tür zum Zytgloggeturm auf, ein Dutzend Chläuse strömen raus und bahnen sich den Weg durchs Gewühl. Sofort wird es hektisch, die Stresshormone der Eltern geraten in Wallung. Welchem Chlaus folgen? Wie bekommen wir den Kinderwagen ohne Reibungsverlust durch die Menge? Ist es moralisch sehr verwerflich, andere Kinder an der Kapuze festzuhalten, damit das eigene die Poleposition zum Chlaus bekommt? Ach was, erst kommt das Chlausevärsli, dann die Moral.

«Das sind nur Schauspieler!», ruft das Kind belustigt. Und heftet sich dennoch an die Fersen eines Chlauses und dessen Schmutzli, um einen Lebkuchen zu bekommen. Unterhalb des Zähringerbrunnens bleibt unser Chlausenduo stehen, dreht sich zu den Kindern um, die sofort eine Schlange bilden. Routiniert hören sich Chlaus und Schmutzli Värsli um Värsli an, sagen was zum Kind, drücken ihm einen Lebkuchen in die Hand und schubsen es sachte zur Seite. Bald schon sind wir an der Reihe.

«Hast du auch ein Värsli vorbereitet?», fragt der Chlaus das Kind. «Äh, öh», sagt es und schaut mich hilfesuchend an. «Äh, öh», sage ich und flüstere dem Kind das einzige, was mir einfällt, ins Ohr. «Samichlaus, du liebe Maa, gäu, i muess ke Ruete ha», wiederholt das Kind dankbar. Sofort verfinstert sich die Miene des Chlauses. «Dieses Värsli ist steinalt. Wir Chläuse verteilen längst keine Ruten mehr.» Ein Vater neben uns nickt belehrend: «Es ist nicht in Ordnung, damit den Kleinen Angst zu machen.» Ich ziehe das Kind sachte aus der Schusslinie.

Schnell machen wir uns davon – dahin, wo wir hingehören: zum echten Chlaus ins vorletzte Jahrhundert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.12.2017, 13:36 Uhr

Maria Künzli, Redaktorin. (Bild: zvg)

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