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Das Lesen stirbt nicht aus, es verändert sich nur. Zumindest bei manchen.

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So viel Text wie heutzutage hat sich die Menschheit noch nie reingezogen. Das hat eine Studie ergeben, über die ich kürzlich in einem Magazin gelesen habe. Kein Wunder bei all den News, Mails, SMS. Auf dem Laptop, am PC, auf dem Smartphone. Auch gehen gemäss Studie pro Jahr hierzulande immer noch stattliche rund 16 Millionen Bücher über den Ladentisch.

Nein, die kulturpessimistischen Unkenrufe vom Ende des Lesens haben sich nicht bewahrheitet. Und doch hat sich etwas verändert. Was die Studie nämlich auch ergeben hat: Wir lesen heute selektiver und auch oberflächlicher. Müssen wir auch, bei so viel Stoff und all dem Müll. Trotzdem, da droht was verloren zu gehen, finde ich.

Ich war im Emmental mit dem Bus unterwegs. Das Ziel war die rund 20 Minuten entfernte Endstation. Draussen zogen saftige Wiesen vorbei. Kühe käuten wieder, bauchige weisse Wolken weideten wie Schafe an einem cyanblauen Himmel.

Mich aber interessierte das alles nicht. Ich las. Nämlich Jeremias Gotthelfs «Die schwarze Spinne». Ich war gerade an jener Stelle, wo die arme Christine den verhängnisvollen Teufelsschmatzer bekommt. Ich las «... und ihr war als ob von spitzigem Eisen aus Feuer durch Mark und Bein fahre; ...»

Der Chauffeur gab Gas, und ich las und las: «Das Wichtigste sei, dass die Buchen nach Bärhagen geschafft würden, seien die einmal oben, so könne man immer noch sehen, was man machen wolle, ...» und ich las und dachte «närrische Sumiswalder aber auch», und las und las: «... durch den Helm hindurch hatten die Füsse der Spinne sich gebrannt, dem Ritter ins Gehirn hinein...»

Ich fühlte ein Kribbeln im Nacken und las und las weiter, bis ich, wie aus unruhigen Träumen, erwachte, weil etwas fehlte. Das Motorgeräusch. Ich blickte um mich. Der Bus stand still und schien leer. Endstation. Wie lange schon? Fragte ich mich. Warum hat mir niemand was gesagt? Der Chauffeur? Ich stieg aus, ging vorne an der Führerkabine vorbei, und da sah ich ihn, in seinem blauen Hemd, vornübergebeugt, selig auf den Lippen kauend, auf den Knien einen 500-seitigen Wälzer.

In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Sommer, mit viel Zeit für herrliche Selbstvergessenheit und innige Lektüren. Die nächste Kolumne erscheint am 19. August. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.07.2017, 12:21 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! ­Nina Kobelt, Maria Künzli, Martin Burkhalter und Fabian Sommer teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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