Happiness is a warm gun

In diesen Tagen wird in der Schweiz wieder viel über Waffen geredet. Ein unmotivierter Soldat erinnert sich an das «Obligatorische».

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Michael Bucher@MichuBucher

Die Schweiz stimmt mal wieder über ihre Waffen ab. Seit Monaten feuern Befürworter und Gegner des verschärften Waffengesetzes aus allen Rohren (man verzeihe mir das billige Wortspiel). Meine einzigen Erfahrungen mit Waffen machte ich im Militär. In Erinnerung geblieben ist mir allen voran das «Obligatorische» – diese für unmotivierte Soldaten wie mich lästige Pflichtübung.

Wegen meiner Schlampigkeit gabs jeweils schon vor dem Eingang Probleme. Dort wartete stets ein circa 100-jähriger Mann in blauem Arbeiterkittel und mit fettigen Händen, der die Flinten kontrollierte. Magazin nicht draussen, Verschluss nicht arretiert, Seriefeuersperre nicht aktiviert – irgendein Versäumnis fand der alte Mann immer. Er schnauzte mich jeweils an und sah mir durch seine Flaschenbodenbrille in einer Strenge hinterher, als hätte ich seine Urenkelin mit Bonbons ins Auto gelockt.

Im Schiessstand roch es nach Pulverdampf. Die meisten waren wie ich auf den letzten Drücker erschienen und wollten möglichst schnell ihre 20 Schuss in den Hang ballern und mit unterschriebenem Wisch wieder nach Hause. Ferner gab es auch die Profis.

Die Herren mit Scharnier-Augenklappe. Die einem «Gut Schuss» wünschten und mit ihrem alten und lauten 57er-Donnerstab die Erde erzittern liessen. Das Schiessen war deren Hobby. «Happiness is a warm gun» sang ja John Lennon einst zynisch.

Dann das Schiessprogramm: Nach nahezu jedem Schuss tauchte ein Gehilfe auf und schraubte einem am Visier herum. Selbst wenn ich mal einen 4er schoss – und mich wegen des aufflammenden Triumphgefühls leicht schämte –, kam er mit seinem Schraubenzieher dahergehüpft. Ich überlegte mir zuweilen, wie viele Punkte wohl ein sauberer Schuss in die Zählmaschine des Mannes hergeben würde.

Verlassen habe ich die eigenartige Welt des «Obligatorischen» jeweils mit ambivalenten Gefühlen. Da war einerseits das Abspulen einer unliebsamen Übung. Andererseits gabs ein Häkchen mehr auf meiner Liste der «100 Dinge, die man gesehen haben muss».

Berner Zeitung

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