Hallo, Buddha

Kinder sind grossartige Lehrmeister. Selbstfindungsseminare oder Anleitungen zum Glücklichsein: nicht mehr nötig. Kraft- und Ausdauer­training oder Multitasking: inbegriffen.

Mit Kindern sind zwei Stolpersteine auf dem Lebensweg sind plötzlich weg: 1. Man ist selber nicht mehr die wichtigste Person. 2. Mit einem Kind lebt man zu hundert Prozent den Moment. Immer. Kleine Buddhas sind das, die uns brutal und liebevoll zugleich vor Augen führen, worum es eigentlich geht.

Klar, Vorbilder sind sie nicht in jeder Hinsicht. Welcher erwachsene Mensch stopft schon einen halben Teller Spaghetti in ein Wasserglas, rührt mit der Gabel drin rum und behauptet dann, er habe eine Broccolisuppe gekocht? Wer wirft schon eine Holzkuh durchs Zugabteil, mitten in die Zeitung eines Herrn mit bösem Blick, und kichert dann hinter dem Sitz?

Von den Kleinen lernen können wir in grossen Angelegenheiten. Punkto Ehrlichkeit zum Beispiel sind sie uns voraus, auch wenn die gewählten Mittel nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Mein Knirps kommt gerade in diese Socia­lizing-Phase. Wenn sich Kleinkinder kennen lernen, starren sie sich manchmal minutenlang an. Von oben bis unten. Nur Gucken. Bis der Moment der Entscheidung kommt. Ein Schlag ins Gesicht. Eine Hand, die sich ins Haar des Gegenübers krallt. Dann ist klar: Das funktioniert nicht. Und wenn doch, dann wird in der Spielzeugküche gemeinsam gekocht.

Uns voraus sind sie auch, wenn es um die Freude an kleinen Dingen geht. «Ou, lug mau», sagt mein Sohn 150 Mal pro Tag und zeigt auf die Regentropfen am Fenster oder den struppigen Hund des Musikers auf dem Bieler Zentralplatz. Auch grüsst er alles in seinem Universum: Tiere, Plüschtiere, Bagger, Sonne, Mond, Sterne, fremde Menschen, deren erns­tes Gesicht sich dadurch für eine Sekunde erhellt.

Jetzt ist es draussen dunkel und kalt. Die Menschen laufen rum, als würde ein Schneesturm toben, Kopf eingezogen, Blick gesenkt. Wildfremden Hallo sagen? Mal etwas länger hinschauen, lächeln? Die Sterne grüssen? Ein Versuch ist es wert – der Winter wird dadurch ein bisschen heller.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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