Erfolglose Suche nach dem Ursprung

Stefan von Bergen schaut in die Vergangenheit, um heute besser durchzublicken.

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Vor 2017 Jahren wurde in der Stadt Bethlehem Jesus Christus geboren. Bekanntlich am 24. Dezember, den wir auch in diesem Jahr als Heiligabend feiern.

Wenn ich diese Kolumne bis jetzt mit einer Zeitangabe eröffnet habe, konnte ich sicher sein, dass vor 50 oder vor 100 Jahren wirklich das Ereignis passiert war, über das ich dann nachdachte. Das funktioniert mit dem Geburtsjahr des Gottessohns leider nicht, weil es unsicher und umstritten ist.

Es ist eine der grossen Urfragen, woher wir kommen. Mit Beunruhigung stelle ich deshalb fest: Ausgerechnet der Ausgangspunkt unserer Zeitrechnung liegt im Ungewissen.

Die Historiker haben im Matthäus- und im Lukas-Evangelium zwar datierbare Ereignisse entdeckt, die mit Jesu’ Geburt in Verbindung stehen. Sie liegen aber 10 Jahre auseinander. Die Volkszählung in Judäa, für die sich die schwangere Maria nach Bethlehem begab, fand 6 n. Chr. statt. Jesus soll aber kurz nach dem Tod von König Herodes 4 v. Chr. geboren worden sein. Wann denn nun genau? Kam Christus vor oder nach Christi Geburt auf die Welt?

Es kommt noch besser: Den Nullpunkt unserer Zeitrechnung gibt es gar nicht. Die Römer kannten die Zahl Null nicht, sie switchten direkt vom Jahr 1 v. Chr. zum Jahr 1 n. Chr. Und übrigens: Der 24. Dezember ist Fake-News. Eine Erfindung der Kirche aus dem 4. Jahrhundert, angedockt an heidnische Sonnenwendfeiern. Besser gesichert ist Jesu’ irdisches Ableben am Karfreitag oder spätestens an Auffahrt.

Was ich nicht verstehe: Wieso hat man unsere Zeitrechnung in einem falschen Jahr starten lassen? Und was passierte denn im Startjahr, von dem wir nun seit 2017 Jahren nicht mehr loskommen? Vielleicht beginnt ja unser Kalender mit einem peinlichen Non-Event wie der Einweihung der ersten Abwasserleitung im antiken Rom.

Ich habe immerhin herausgefunden, dass wir auf einer gewagten Extrapolation fussen. Der römische Mönch Dionysius Exiguus hat im Jahr 525 bestimmt, dass Jesus 754 Jahre nach der Gründung Roms geboren worden sei. Nur haben aber die Römer die Jahre nicht sauber durchnummeriert, sondern jeweils für eine Herrscherperiode addiert.

Ich begreife: Je länger die Zeit sich dehnt, desto mehr verschwimmt sie, bis sich die Anfänge nicht mehr rekonstruieren lassen. Ich kann deshalb verstehen, dass Mönch Diony­sius einfach eine Annahme getroffen hat. Wie ein Bergsteiger, der über dem Abgrund einen Kletterhaken anbringt, an dem man sich festhalten kann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 17:10 Uhr

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es in den «Echt jetzt?»-Kolumnen von Peter Meier, Stefan von Bergen, Gregor Poletti, Andreas Saurer und Lucie Machac.

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