Druck

Letztens wagte ich mich in ein Tearoom.

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Milchkaffee, Latte macchiato, Tee mit Milch, Kuchen mit Schlagrahm. An jedem Tisch schaumige Weisse, wie frisch gefallener Schnee. Gleich hinter mir sassen zwei junge Frauen. Jung in dem Sinn, als dass sie jünger waren als ich. Eigentlich sahen sie beide ziemlich gleich aus. Nussbraune Augen, kaffeebraune Haare, schwarze Jeans. An den Stühlen hingen ihre Jacken mit kunstpelzigen Kapuzen und Schals, so lang wie ein Olympiaschwimmbecken. Die eine mit Brille, die andere mit rot lackierten Fingernägeln.

Die eine schien zufrieden, die andere nicht. Die mit der Brille begann:
«Wie gehts?»
«Gut. Aber dieser Druck. Dieser Druck», sagte die mit den rot lackierten Nägeln.
«Aha. Ui.»
«Ich hatte ja dieses Projekt. Der Chef sagte, das müssten wir zeitnah durchbringen. Die Deadline einhalten. Ich hätte jetzt halt das Messer am Hals.»
«Hm. Mmh», sagte die mit der Brille. «Aber gehts?»
«Ja. Alles gut. Aber dann hatte ich halt auch noch diese Präsentation vor dem Verwaltungsrat. Ein Reporting über die Performances der letzten Wochen. War für mich das erste Mal. Heavy.»
«Aber jetzt geht es dir gut?» «Ja. War halt nicht mein Fachgebiet. Ich kann ja nicht zaubern. Oder? Eigentlich ein No-Go, dass er mich da in den Lead setzte.» Die mit der Brille schaufelte ein wenig Milchschaum auf den Löffel. «Es geht mir ja gut. Nur dieser Druck von Kunden- und Chefseite her ist schon tough. Hat ja viel Cooles, dieser Job. Homeoffice und so. 80 Prozent. Aber ich muss halt auch fighten. Aber jetzt geht es mir wieder gut. Im September war gar nicht gut. Vorstufe Burn-out. Aber jetzt ist gut.»
«Ui», sagt die andere, den Löffel ableckend. «Du schaust zu dir, ja?»
«Mir geht es gut. Ist ja auch spannend und so. Einfach dieser Druck. Crazy.»
Eine Weile war nur noch das Geräusch von rührenden Löffeln zu hören. Dann begann die mit der Brille zu erzählen. Sie sprach vom Studium, von einem Jan und Südamerika, von Rucksäcken und so. Ich bezahlte und ging. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 11:25 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! ­Nina Kobelt, Maria Künzli, Martin Burkhalter und Fabian Sommer teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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