Bäumig ohne Biber

Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat eine Plätscherstimme. Und Cédric Wermuth verpasst fast seinen Auftritt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das werde ich in Zukunft mit allen Bern-Besuchern tun: Parlamentarier gucken während der Session. Ist besser als jeder Theater- oder Museumsausflug, spannender als Tierfilme und amüsanter als shoppen. Diese Woche schauten meine Eltern vorbei, sie leben in der Ostschweiz, verpassen keine Wahlsendung und wollen unterhalten werden in der grossen Stadt. Also steigen wir hoch zur Besuchertribüne im Bundeshaus. Allein das ein Erlebnis, weil Gratisfitnesstraining.

47 Nationalräte hier!, verkündet Mutter, die nachgezählt hat, noch bevor sie sich setzt. Heute wird diskutiert, ob man Biber abschiessen soll, das habe er im Zug in «20 Minuten» gelesen, sagt Vater. Erst geht es aber um Jihadisten und um andere Gesetzesrevisionen.

Ich weiss nicht, ob ich die wieder wähle, sagt meine ­Mutter mit Blick auf eine Parlamentarierin unter uns, die eine Geburtstagskarte schreibt und dann verschwindet.

Frau Sommaruga hat eine Plätscherstimme, sagt Vater. Man hört sie fast nicht.

Dieser Glättli, sagt Mutter, warum läuft der ständig im Saal herum?

Die Bernerin kenn ich aus dem Fernsehen, sagt Vater (und meint Kathrin Bertschy), die ist gut. Trägt der eine Katzenkrawatte (Mutter, sie zeigt auf Daniel Brélaz, VD)?

Cédric Wermuth verpasst fast seinen Auftritt, Mutter entdeckt Christian Wasserfallen, Vater checkt die restliche FDP-Fraktion ab. Nur die Biber werden nicht besprochen.

Wenn Sommaruga noch einmal das Wort Stockwerkeigentum sagt, dann kann ich nicht mehr, sagt Mutter.

Frau Bundesrätin Sommaruga, natürlich souverän und die totale Bewunderung der Eltern erntend, sagt: Blablabla Stockwerkeigentum blablabla.

Jetzt ist der Toni Brunner da, sag mal, flirtet der?, fragt Mutter. Wann kommen die Biber?

Vater droht einzunicken.

Nach über hundert Minuten gibts Abstimmung im vollen Saal und bei mir Entsetzen, als ich einen Blick auf die Tagesordnung werfe: Die Biber sind noch Stunden entfernt. Ich beschliesse, meine Eltern wieder von der Tribüne runterzuzerren. Vor dem Bundeshaus werden wir von meinen zwei Freundinnen unsanft empfangen: Warum hat das so lange gedauert, fragt Fräulein P.

Ach, dies und das, sagt meine Mutter. Aber jetzt brauch ich ein Biberli, gibts hier irgendwo einen Kiosk? (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.09.2016, 10:54 Uhr

Nina Kobelt schreibt die Kolumne «Greater Berne» abwechselnd mit den Redaktoren Maria Künzli, Fabian Sommer und Peter Meier.

Kommentare

Blogs

Von 120 auf 5 Minuten

Gartenblog Giessen, giessen, giessen

Die Welt in Bildern

Beliebtestes Verkehrsmittel: Ein Nordkoreaner schiebt sein Fahrrad über den Kim-ll-Sung-Platz in Pyongyang. (24.Juli 2017)
(Bild: AP Photo/Wong Maye-E) Mehr...