Auch so eine

Vom perfekten Feindbild im Strassenverkehr.

Sandra Rutschi

In der Berner Bronx starrte mich mein Nachbar entsetzt an: «Nein, Sie sind auch so eine?!» Ich setzte den Helm auf, murmelte ein paar Worte und schwang mich auf den Sattel. Bemüht, möglichst rasch wegzukommen.

Während ich der Alpenkette entgegenfuhr, brodelte der Groll in mir. Seit einiger Zeit gehöre ich zur meistgehassten Spezies auf Berns Strassen: den E-Bike-Fahrern. Glaubt man den anderen Verkehrsteilnehmern, verursachen wir jeden Unfall, sind immer zu schnell unterwegs und haben unser Teufelsfahrzeug nie im Griff. Wie Gespenster tauchen wir hinter Fussgängern auf – mit dem einzigen Ziel, dass sie einen Herzinfarkt erleiden. Wir erfrechen uns sogar, normale Velofahrer zu überholen – und bilden uns dabei ein, ebenso sportlich zu sein wie sie. Obschon wir nur alibimässig in die Pedale unserer Stromschleudern treten.

Eigentlich ist es ja auch rührend, dachte ich, während der Wind über meine Wangen strich: Ich gehöre nicht nur zur meistgehassten Spezies, sondern gleichzeitig zu jener, die alle anderen in ihrer Abneigung gegen sich vereint. Ob Zweiradverachter oder Motorenkritiker, ob Sportmasochisten oder Sonntagsfahrer – sie müssen endlich nicht mehr übereinander herziehen. Denn es gibt ja uns, das perfekte Feindbild.

Mein Ärger war längst verflogen, als ich meinen Nachbarn wieder traf. «Wissen Sie», raunte er, «ich denke auch darüber nach, ein E-Bike anzuschaffen. Aber sagen Sie es bitte nicht weiter.» Er war etwa der Zehnte, der mir dieses Geheimnis anvertraute. Aber ich sagte es ihm nicht – ich hatte auch den anderen versprochen, zu schweigen.

Berner Zeitung

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