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Lokales SaatgutBiologe erntet Berner Wiesen ab

Wolfgang Bischoff befährt mit abenteuerlichen Gefährten blühende Wiesen in der ganzen Region Bern. Das Ziel: lokal angepasstes Saatgut zu produzieren.

Wolfgang Bischoff ist in der Berner Tiefenau unterwegs mit dem «Grass Grabber».
Wolfgang Bischoff ist in der Berner Tiefenau unterwegs mit dem «Grass Grabber».
Foto: Raphael Moser

Es riecht nach Thymian, die Grillen zirpen. Ein Tuckern nähert sich, das zu einem Dröhnen wird, dezenter Benzingeruch. Wolfgang Bischoff und seine Praktikantin Rahel Stricker bearbeiten die hochgewachsene Wiese unter dem Felsenauviadukt in der Berner Tiefenau. Sie laufen mit eigentümlichen Gefährten kreuz und quer über das Feld. Er bedient die kleine Maschine am Hang, sie die grosse in der Fläche.

Die kleine stammt aus Australien. «Grass Grabber» heisst sie, sie bürstet die reifen Samen von Gräsern und Blumen aus. Weil sie dabei leicht schüttelt, werden Insekten und Spinnen vertrieben und damit geschont. Die Maschine ist leise, leicht und handlich und somit gut geeignet für Böschungen. Sie lässt das Gras stehen, nur die Samen fallen auf eine Auffangvorrichtung.

Das schwere Gefährt ist Frauensache: Rahel Stricker mit dem Prototyp des Handmähdreschers aus Genf.
Das schwere Gefährt ist Frauensache: Rahel Stricker mit dem Prototyp des Handmähdreschers aus Genf.
Foto: Raphael Moser

Die grosse Maschine ist ein Prototyp und eine Leihgabe aus Genf. Auch sie lässt das Gras stehen. Eigentlich ist dieses abenteuerlich anmutende Ding ein handgebauter kleiner Mähdrescher, erfunden vom Genfer Tüftler Laurent Burgisser, klobig in der Handhabung, aber effizient. Mit seinen Drähten schlägt er die reifen Samen in eine Wanne.

Mit diesen beiden Maschinen haben Bischoff und Stricker in diesem Sommer Saatgut im ganzen Kanton geerntet. Vom Thuner Waffenplatz über den Berner Bremgartenfriedhof bis zu Wiesen in Biel. Die dabei entstandenen Saatgutmischungen will Bischoff an Interessenten aus der Region verkaufen. Denn die im Grossmarkt erhältlichen Wiesenmischungen seien schweizweit dieselben und nicht auf die lokalen Gegebenheiten angepasst, sagt der Biologe.

Lokale Bedingungen beeinflussen die Pflanzen

Die Idee dazu habe er schon lange gehabt. «Ich gebe viele Biodiversitätskurse für Gemeindemitarbeiter, dazu gehört auch, eine Wiese auszusäen. Bisher musste ich dafür immer auf Standard-Saatgut ausweichen.» Dabei unterscheide sich die Zusammensetzung von Wiesen regional sehr stark. «Eine artenreiche Fettwiese in Bern ist nicht dasselbe wie eine in St. Gallen», sagt er.

Die Überlegung von Bischoff: Je besser angepasst an die lokale Umgebung eine Samenmischung ist, desto erfolgreicher keimt sie auch. Bischoff zeigt auf eine unscheinbar gelb blühende Pflanze. «Der Hornschotenklee hier hat sich den lokalen Bedingungen angepasst, er trägt nicht dasselbe Erbgut in sich wie ein Hornschotenklee, der im Jura auf Juragestein wächst.»

Frisch geerntetes Wiesensaatgut aus der Berner Tiefenau.
Frisch geerntetes Wiesensaatgut aus der Berner Tiefenau.
Foto: Raphael Moser

«Das hier ist eine Fromentalwiese», sagt Bischoff und weist auf die eben geernteten Samen. Sie war von Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts die am meisten verbreitete Wiese im Mittelland. Benannt ist sie nach dem gleichnamigen Gras. Heute sei der Bestand wegen intensiverer Nutzung der Felder stark zurückgegangen.

Jede Wiese bestehe aus zahlreichen Beikräutern, auch sie will der Biologe dabeihaben. «Je mehr Arten sich in einer Samenmischung befinden, desto besser kann die Natur auf veränderte Umweltbedingungen wie Klimawandel reagieren.» Deshalb beerntet er auch keine Felder, auf denen eine Handelssaatgutmischung angesät wurde.

Und invasive Neophyten reisst er vorgängig aus. Zur Demonstration zupft er an einer Pflanze, deren Blüte ähnlich wie Kamille aussieht. «Das Einjährige Berufkraut», sagt er und klemmt das Kraut zwischen die Finger wie eine Zigarette, «es bildet laufend neue Blüten und versamt sehr schnell.»

Ich sehe schon nur aufgrund der Pflanzenzusammensetzung auf einer Wiese, ob sie ursprünglich gewachsen ist.

Wolfgang Bischoff

Solche Samen dürfen natürlich nicht in die Mischung geraten. Denn das Geschäft von Bischoff besteht darin, Wiesen, wie sie früher hier wuchsen, vermehrt wieder anzusiedeln. «Ich sehe schon nur aufgrund der Pflanzenzusammensetzung auf einer Wiese, ob sie ursprünglich gewachsen ist», sagt er.

Die Neubegrünung ist auch möglich mit der Mahdgutübertragung, bei der Wiesen nass geschnitten werden und das Schnittgut auf die Fläche verteilt wird, die man begrünen will. «Da muss man aber den richtigen Zeitpunkt erwischen», sagt Bischoff, der für Bauern und andere Auftraggeber auch diese Methode anbietet.

Einen Markt für sein lokales Saatgut sieht er durchaus. Denn in der Landwirtschaft wären Bauern eigentlich angehalten, lokales Saatgut dem Standard-Saatgut vorzuziehen, entweder durch Mahdgutübertragung oder eben als lokale Samenmischung. Und auch bei öffentlichen Neubauten, Strassenbau und Ähnlichem gibt es oft die Auflage, dass regionales Saatgut verwendet wird. Denn Studien belegen, dass dieses besser gedeiht.

Nur fehlte es bisher an der Umsetzung. Unter anderem weil das Angebot verschwindend klein ist. In Bern gibt es neben Bischoff noch ein weiteres Ökobüro, das im kleinen Stil Wiesensamen sammelt. Lediglich in der Ostschweiz gibt es einen Anbieter, der Wiesen auch mit grossen Mähdreschern beerntet.

Ein eigener Drescher mit Batterie

Wolfgang Bischoff lässt die Maschine stehen und sucht einen Platz im Schatten. Den invasiven Neophyten hat er immer noch zwischen die Finger geklemmt. Drei Monate lang waren er und Rahel Stricker unterwegs. Die meisten Wiesen haben sie zweimal beerntet. Nun werden sie die Samen trocknen und sortieren. Und dann geht es an die Vermarktung. Denn noch hat Bischoff nicht alle Samen verkauft.

Pläne fürs nächste Jahr gibt es bereits: Der Genfer Tüftler Laurent Burgisser wird ihm einen eigenen Handmähdrescher bauen. Im Unterschied zum ausgeliehenen aber mit Batterie. Dann wird man nur noch den Thymian riechen.

2 Kommentare
    ein Leser

    Cool . Endlich mal etwas Positives. Viel Erfolg